Hitzewellen können Magen-Darm-Probleme auslösen

Perioden mit anhaltend hohen Temperaturen führen zu einer Zunahme von Magen-Darm-Infektionen und können zu Schüben bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen führen. Wir haben mit dem Direktor der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie Gerhard Rogler, Prof. Dr. med. Dr. phil., und dem leitenden Arzt Luc Biedermann, PD Dr. med., gesprochen.

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Sie haben das Phänomen schon 2013 entdeckt. Gibt es seither neue Erkenntnisse zum Zusammenhang von Hitze und Magen-Darm-Problemen?

Luc Biedermann: Die Ursachen, weshalb Hitze Magen-Darm-Probleme auslöst, sind nach wie vor unklar. Als Auslöser werden verschiedene Umwelteinflüsse diskutiert: unterschiedliche Lebensweisen und Diäten oder eben Hitze. Natürlich löst nicht ein Faktor alleine Magen-Darm-Probleme aus, es geht um Extreme, um Stressfaktoren, welche nicht gut sind. Diese Fragestellungen stossen in den letzten Jahren auf grosses Interesse in der Forschung.

Weiss man mehr zu den Stressfaktoren?

Gerhard Rogler: Menschen adaptieren sich an eine Umgebung. Wir wissen, dass zum Beispiel auch Höhenaufenthalte bei chronisch kranken Darmpatienten Schübe auslösen können, besonders ausgeprägt ist das bei Patienten, die sonst in tiefen Lagen leben. So ist es auch mit der Hitze: Menschen, die in gemässigtem Klima leben, sind während Hitzewellen eher von Schüben betroffen. Bekannt ist zum Beispiel auch die Runners' Colitis bei Marathon-Läufern: sie können in manchen Fällen eine Darmentzündung entwickeln. Eine weitere Vermutung ist, dass sich durch die erhöhte Körpertemperatur etwas in der Darmflora ändert. 

LB: Wir behandeln diese Woche ungewöhnlich viele Patienten mit chronischen Darmerkrankungen bei uns auf der Station. Und viele Betroffene schreiben uns derzeit, dass sie einen Schub durchmachen. 

Das heisst, sie haben durch die Hitze ausgelöste Schübe?

LB: Das können wir nur vermuten. Wissenschaftlich bewiesen ist, dass physischer und auch psychischer Stress bei chronischen Darmpatienten Schübe auslösen können. Dazu gehören auch Schlafentzug, Depressionen, lange Flugreisen etc. Die genaue Ursache für die Schübe kennt die Wissenschaft nicht. Was aber klar ist: Hitze über mehrere Tage ist für den Körper ein stressreiches Ereignis. 

Was raten Sie betroffenen Patientinnen und Patienten?

GR: In vielen Fällen können Patienten Schübe vermeiden, wenn sie psychischen oder physischen Stress vermeiden. Es geht darum, Trigger zu erkennen und diesen vorzubeugen. Für mich wichtig ist zu wissen, dass es den Zusammenhang zwischen Hitze und Auslösen von Schüben gibt, damit ich den Patienten entsprechend Empfehlungen geben kann. Bei chronischen Darmpatienten ist zudem ganz wichtig, dass sie Infektionen durch Nahrungsmittel vermeiden. Sie müssen noch besser aufpassen als gesunde Menschen: Ein Schub dauert nicht nur zwei, drei Tage, sondern setzt die Betroffenen über längere Zeit ausser Gefecht. Infektionen und Durchfallerkrankungen nehmen mit Hitzewellen jedoch auch bei gesunden Menschen zu, und zwar mit einer zeitlichen Verzögerung von ungefähr fünf Tagen.

Weshalb ist das so?

GR: Häufig handelt es sich um infektiöse Durchfallerkrankungen. Bakterien wie Salmonellen oder Campylobacter wachsen typischerweise bei 37 Grad. Je mehr sich die Aussentemperatur daran angleicht, desto besser wachsen sie. Bis sie infektiös werden, benötigen sie einige Tage, weil sie sich zuerst vermehren müssen. Deshalb ist es wichtig, im Sommer noch besser darauf zu achten, dass das Poulet gut durchgegrillt ist. 

LB: Auch Dehydration könnte eine Rolle spielen. Wenn der Körper zu wenig Wasser hat, ist das – verbunden mit den notwendigen Anpassungen im Stoffwechsel und Kreislauf – ein Stressfaktor.

Im Fall einer Infektion: Wann muss ich zum Arzt? 

GR: Die WHO empfiehlt, dass Sie bei schwerem Durchfall zum Arzt gehen sollten. Dieser definiert sich so, dass Sie körperlich nicht mehr aktiv sein können, also zum Beispiel nicht mehr aufstehen können. Auch bei hohem Fieber oder grossem Flüssigkeitsverlust müssen Sie zum Arzt. Bei Durchfall ohne Einschränkung der körperlichen Aktivität über weniger als drei bis fünf Tage ist ein Arztbesuch nicht zwingend nötig.




Sie wollen mehr zum Thema «Umweltfaktoren bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen» wissen? Kommen Sie an die Veranstaltung mit Prof. Rogler vom 11. Juli  2019

Mehr zum Thema lesen Sie auch in der Medienmitteilung aus dem Jahr 2013: Mehr Magen-Darm-Probleme während Hitzewellen


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