«Hautkrebs und Allergien beschäftigen uns zunehmend»

Thomas M. Kündig ist seit 1. August 2019 Direktor der Dermatologischen Klinik am USZ.

Thomas Kündig, Dermatologen sind diejenigen Mediziner, die sich die Hände am wenigsten schmutzig machen. 
(lacht) Sie meinen, weil wir keine Operationen am offenen Herzen durchführen und keine Knochen flicken?

Genau.
Was die Dermatologie anbelangt, herrscht in der Bevölkerung vielfach ein falsches Bild. Zu uns kommen tagtäglich Menschen mit schweren gesundheitlichen Problemen, mit Autoimmunerkrankungen etwa, mit
Hautkrebs oder mit Schuppenflechte, die sich schmerzhaft auf die Gelenke auswirkt. Häufig handelt es sich dabei um äusserst komplexe Fälle, die ein interdisziplinäres Vorgehen erfordern.


Wo genau liegt der Schwerpunkt Ihrer Arbeit?
Da ist einerseits der Schwarze Hautkrebs. Andererseits beschäftigen wir uns intensiv mit entzündlichen Hauterkrankungen, mit Immunerkrankungen und Allergien. Alle drei Bereiche haben fallmässig in den letzten
Jahrzehnten ungemein zugenommen. 

Weshalb ist das so?
Nehmen wir als Beispiel den Schwarzen Hautkrebs: Dieser ist eine direkte Folge von zu intensiver UV-Einstrahlung und zu vielen Sonnenbränden. Was dessen Häufigkeit anbelangt, so belegen wir hinter Australien und Neuseeland weltweit den dritten Rang. Das ist eine traurige Spitzenplatzierung.

Sind nicht vor allem Menschen betroffen, die im Freien arbeiten und nicht aufpassen?
Eine fatale Fehleinschätzung! Bauarbeiter zum Beispiel wissen meistens um die Gefahr von intensiver Sonneneinstrahlung und verhalten sich dementsprechend. Es sind vielmehr jene Leute, die sich von Berufs wegen wenig im Freien aufhalten, die gefährdet sind. Das ganze Jahr im Büro und dann über Weihnachten schnell zum Strandurlaub ab auf die Malediven – da ist ein gehöriger Sonnenbrand vorprogrammiert.

Die Medizin hat Fortschritte gemacht, da gibt es sicher entsprechende Therapien und Medikamente.
Auch das ist eine äusserst fahrlässige Einstellung. Natürlich, vor zwanzig Jahren noch kam die Diagnose metastasierter Schwarzer Hautkrebs praktisch einem Todesurteil gleich. Dem ist heute zum Glück nicht mehr so. Es gibt inzwischen Mittel und Wege, dem bösartigen Hautkrebs effektiv zu begegnen. Hier möchte ich meinen Kollegen Reinhard Dummer erwähnen, der unsere Klinik europaweit an die Spitze gebracht hat, wenn es um den Kampf gegen das Melanom geht.

Mit welchen Folgen oder Möglichkeiten für das USZ?
Aufgrund unserer Grösse, unserer Erfahrung und unserer Reputation können wir modernste Therapien und Behandlungsmethoden anbieten. Geht es um klinische Studien, gehören wir häufig zu den allerersten Teilnehmern und Anwendern. Auch nehmen wir eine führende Position in Forschung und Lehre ein. Unter anderem sind wir das grösste Ausbildungszentrum für Dermatologen schweizweit.

Sie haben als weitere Schwerpunkte Ihrer Arbeit die Immunologie und die Allergologie angesprochen.
Gerade Allergien scheinen sich epidemieartig auszubreiten. Allergien beschäftigen uns tatsächlich
in zunehmendem Masse. Heute ist die Hälfte der Bevölkerung auf etwas allergisch: Pollen, Tierhaare, Nahrungsmittel usw. Nehmen wir das Beispiel Heuschnupfen: 1900 litt gerade mal 1 Prozent der Schweizer Bevölkerung darunter, heute sind es 30 Prozent. 

Wer oder was trägt Schuld daran?
Einfach gesagt: Unser Immunsystem ist im Zuge von Industrialisierung und Wohlstand kaum mehr mit Bakterien konfrontiert. So leiden Stadtkinder erwiesenermassen viel häufiger unter Allergien als Kinder, die auf dem Bauernhof aufgewachsen sind. Bei Letzteren wird das Immunsystem durch Exposition im Stall oder durch Trinken frischer, nicht industriell verarbeiteter Milch so polarisiert, dass weniger Allergien entstehen.

Wenn man nicht selber Allergiker ist, so kennt man ganz bestimmt jemanden im Bekanntenkreis. Wird da nicht häufig übertrieben?
Wenn jemand sagt, ich habe Heuschnupfen, dann trifft dies in der Regel zu. Sagt jemand, ich bin allergisch
auf Katzenhaare, dann stimmt das meistens auch. Kompliziert wird es bei den Lebensmitteln: Selber herauszufinden, weshalb und warum man etwas nicht verträgt, ist fast unmöglich. Die Häufigkeit der Lebensmittelallergien wird daher überschätzt. An unserer Klinik betreiben wird deshalb sehr viel Diagnostik. Allergologie ist ein sehr präzises Fach geworden, und wir können eine Allergie bis in die molekularen
Details aufklären.

Wir sind jetzt im Winter. Bedeutet das für Sie und Ihre Klinik weniger Arbeit?
Heuschnupfenpatienten dürften jetzt wohl tatsächlich aufatmen. Trotzdem geht uns die Arbeit keineswegs aus – ganz im Gegenteil. Allergien und dermatologische Erkrankungen machen kaum Winterpause. Allein was den Weissen Hautkrebs anbelangt, stellen wir momentan jeden Tag an die zwanzig neue Diagnosen. Das hat damit zu tun, dass wir immer älter werden, ist aber auch hier eine Folge von zu fahrlässigem Umgang mit der UV-Strahlung. Dies vor allem früher, als man sich der Gefahren gar nicht bewusst war.




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​Zu Thomas M. Kündig

Die Dermatologische Klinik am USZ gilt als Referenzzentrum mit weltweiter Reputation
bezüglich Abklärung, Behandlung und Prävention von Krankheiten der Haut, der
Nägel und der Haare. Das Team besteht aus erfahrenen Spezialisten für Hautkrebserkrankungen, für entzündliche
Hauterkrankungen wie Schuppenflechte
und Neurodermitis sowie Allergien, Wundheilungs- und Durchblutungsstörungen.
Im Vordergrund stehen die wissenschaftlich fundierte Diagnose und Behandlung. Als akademisches Zentrum arbeitet die Dermatologische Klinik intensiv an Verbesserungen bei Diagnose und
Behandlung. Gleichzeitig ist sie das grösste Ausbildungszentrum für Dermatologen
und Medizinstudentinnen und -studenten in der Schweiz.​

Zur Dermatologischen Klinik

Thomas M. Kündig ist seit 1. August 2019 Direktor der Dermatologischen Klinik am
USZ. Dem 56-Jährigen kam in den letzten Jahren eine tragende Rolle im Aufbau
und in der Positionierung der Forschungs-
und Laborabteilung der Klinik zu. Seine
Leistungen in Forschung, Lehre und Klinik sind im In- und Ausland anerkannt. Thomas M. Kündig ist verheiratet und Vater dreier Töchter. Er lebt im Raum Zürich.​

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