Wenn die Dunkelheit gewinnt

Mit den kürzeren Tagen sinkt nicht nur die Temperatur. Auch unsere Stimmung rasselt häufig in den Keller. Was ist noch der normale Herbstblues und ab wann spricht man von einer Herbstdepression? Was löst sie aus und was hilft dagegen? Ein Hormon-Experte (Endokrinologe) und ein Psychiater beleuchten das Thema aus ihrer Sicht.

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Ein Spaziergang in der Natur kann helfen, die Stimmung aufzuhellen.

Der Endokrinologe

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Felix Beuschlein, Klinikdirektor

«Ein Herbstspaziergang fördert die Produktion von Glückshormonen.»

Es gibt hormonelle Veränderungen im Körper, die automatisch mit den Jahreszeiten einhergehen. Im Herbst kommen wir etwas mehr zur Ruhe. Das spiegelt sich auch in den Hormonen. Diese Veränderungen verursachen aber keinesfalls per se eine Depression. Vielmehr sind sie ein natürlicher Vorgang, der nur zeigt, dass sich der Mensch im Laufe der Evolution an die verschiedenen Jahreszeiten angepasst hat. Auch
bei Bären verändert sich der Hormonspiegel im Herbst, weshalb sie in den Winterschlaf fallen. Einige Hormone des Menschen schwanken stark je nach Jahreszeit. Vitamin D – als Vorstufe eines
Hormons – ist so ein Kandidat. Es ist direkt von der Sonneneinstrahlung abhängig; fehlt diese, wird das Vitamin nicht produziert. Ein Mangel an Vitamin D bringt eine Reihe von Problemen mit sich, die mit dem Knochenstoffwechsel zusammenhängen und Osteoporose verursachen können. Aber ob uns dieser Mangel übellauniger macht, ist wissenschaftlich nicht erwiesen. Melatonin hingegen wird bei zunehmender Dunkelheit vermehrt gebildet. Das Hormon macht uns schläfrig und könnte einen Effekt auf die Psyche haben. Aber auch hier fehlt der endgültige
wissenschaftliche Beweis. Die Hormonmuster im Körper sind sehr komplex und beeinflussen sich gegenseitig. Daher können wir leider nicht auf ein
einzelnes Hormon fokussieren und sagen, wenn davon zu wenig oder zu viel im Blut ist, werden wir depressiv. Das ist auch insofern bedauerlich, weil wir im Umkehrschluss nicht künstlich ein bestimmtes Hormon zu uns nehmen können und dann immer bester Laune sind. Vielmehr ist unsere Stimmung ein Zusammenspiel aus diversen inneren und äusseren Faktoren, die wir noch nicht alle entschlüsselt haben. Trotz dieser Ungewissheit: Ein schöner Herbstspaziergang fördert natürlich die Produktion von Glückshormonen wie Dopamin und hebt die Stimmung. Ich empfehle immer, die wenige Herbstsonne, die da ist, zu nutzen und an die frische Luft zu gehen. Machen Sie das Beste aus der kalten Jahreszeit! Freuen Sie sich auf gemütliche Abende zu Hause und auf bezaubernde Weihnachtsmärkte. Denn: Steigt die Vorfreude, steigt auch die Stimmung.​


Der Psychiater


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Andre Richter, Oberarzt

«Die Veränderung des Tag-Nacht-Rhythmus begünstigt Depressionen.»

Die Herbstdepression gibt es. Nur ist sie sehr schwierig zu diagnostizieren. Einerseits ähneln viele Symptome der klassischen Depression, andererseits ist es normal, dass wir uns in der kalten Jahreszeit etwas mehr zurückziehen. Deswegen ist man noch lange nicht depressiv. Es gibt jedoch einen fliessenden Übergang von der melancholischen Herbststimmung – die wir alle kennen – zur atypischen depressiven Episode mit saisonalem Charakter, wie die Herbstdepression auch genannt wird. Als Ursache spielt sicher der Lichtmangel in der kalten Jahreszeit eine Rolle. Sobald die Tage kürzer werden, verändert sich unser Tag-Nacht-Rhythmus. Diese Verschiebung
begünstigt Depressionen, ist aber sicher nicht die einzige Ursache. Auch die Genetik und die Hormone sind wichtige Faktoren. Ganz genau weiss man es schlicht nicht, egal ob typische oder untypische Depression. Auch warum von der Herbstdepression viermal mehr Frauen als Männer betroffen sind, ist unklar. Typische Symptome für eine Herbstdepression sind Heisshunger auf Süsses, ein gesteigertes Schlafbedürfnis und bleierne Gliedmassen. Speziell die ersten beiden Symptome sind aussergewöhnlich, weil bei der klassischen Depression die Patientinnen und Patienten​ häufig unter Appetit- und Schlaflosigkeit
leiden. Den Betroffenen einer Herbstdepression
fällt es oft schwer, ihre täglichen Pflichten zu erfüllen. Ab diesem Punkt sollte man sich professionelle Hilfe holen. Schätzungsweise
1 bis 10 Prozent der Bevölkerung leiden an der Herbstdepression, und es gibt Vermutungen, dass die Häufigkeit der Betroffenen mit der Entfernung
zum Äquator wächst. Um der Herbstdepression vorzubeugen, sind regelmässige Spaziergänge während des Tages, körperliche Aktivitäten und
eine gesunde Ernährung empfehlenswert.
Fehlt die Zeit, um während des Tages rauszugehen, hilft die Lichttherapie. Dabei setzen sich die Patientinnen und Patienten während einer
halben Stunde pro Tag einer starken Tageslichtlampe aus. So wird die innere Uhr des Körpers stimuliert, was sich wiederum positiv auf die Stimmung auswirkt. Am besten wird die Lampe noch mit einem Lichtwecker kombiniert, der zu Beginn des Tages einen Sonnenaufgang simuliert.


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