Antibiotikaresistenz – eine globale Herausforderung

Kaum sind die Ferien vorbei und das Reisegepäck verstaut, werden schon Pläne für die nächsten Ferien geschmiedet. Nicht alle Reisesouvenirs sind unproblematisch. Mit einem Mitbringsel der besonderen Art hatten zum Beispiel die Kollegen des Uniklinikum Kiel zu kämpfen: Ein vorgängig in der Türkei hospitalisierter Patient brachte ein multiresistentes Bakterium namens Acinetobacter baumannii mit. Der Keim gelangte in der Folge auf mindestens 31 weitere Patienten, 12 davon verstarben, mindestens 3 am Bakterium selbst.

​In der Schweiz Antibiotikaresistenz kein Problem?

Was in Kiel 2015 ein Problem war, kann auch bei uns jederzeit passieren. Das Problem der multiresistenten Bakterien ist in den Schweizer Spitälern mittlerweile alltäglich geworden. Vor allem Patienten, die im Ausland hospitalisiert waren – typischerweise solche, die in den Ferien verunfallt sind – bringen aus den erstversorgenden Spitälern hochresistente Bakterien mit. Deshalb müssen diese Patienten während der ersten Zeit nach der Rückführung in die Schweiz von anderen Patienten getrennt und unter speziellen Schutzmassnahmen betreut – sogenannt isoliert – werden, bis wiederholt ausgeschlossen wurde, dass resistente Bakterien vorhanden sind. Dies ist aufwändig, teuer und führt nachweislich zu einer schlechteren Behandlungsqualität.

Denn Untersuchungen und Operationen müssen bei diesen Patienten besonders gut geplant und an Randzeiten unter speziellen Schutzvorkehrungen durchgeführt werden, um eine Übertragung der Bakterien auf Mitpatienten zu verhindern. Studien zeigen, dass Spitalmitarbeitende solche Patienten unbewusst weniger häufig besuchen, weil sie sich mit spezieller Schutzkleidung ausrüsten müssen.

Wie entsteht eine Resistenz?

Einzelne Bakterien sind von Natur aus resistent gegen eine Vielzahl von Antibiotika. Glücklicherweise verursachen diese Keime im klinischen Alltag bei sonst gesunden Patienten nur sehr selten schwere Erkrankungen. Antibiotikaresistenzen treten aber bei allen Bakterien natürlicherweise und zufällig auf wenn sie sich vermehren. Bei der Zellteilung entstehen Mutationen, die zu einer Resistenz führen können. Oftmals sind diese Bakterien gegenüber ihren Artgenossen ohne Resistenzen weniger überlebensfähig und haben einen Wachstumsnachteil. Wenn aber gleichzeitig Antibiotika verabreicht werden, sodass die empfindlichen, nicht resistenten Keime abgetötet werden, bleiben die resistenten Keime zurück und können sich ungehindert vermehren. Mit der grösseren Zahl von resistenten Bakterien steigt gleichzeitig auch die Wahrscheinlichkeit, dass diese eine bakterielle Infektion auslösen.

Unnötiger Antibiotikagebrauch begünstigt die Resistenzentstehung

Nur ein Zehntel aller Zellen in unserem Körper sind menschlich, die übrigen 90 Prozent sind Bakterien, ohne die wir nicht existieren könnten. Jeder Einsatz von Antibiotika – egal ob sachgemäss und unsachgemäss – führt unausweichlich zur Entstehung von resistenten Bakterien in unserem Körper. Meist ohne negative Folgen. Gelegentlich können sich aber, wie vorhin beschrieben, resistente Keime durchsetzen. Deshalb sollten Antibiotika nur eingesetzt werden, wenn dies absolut notwendig erscheint. Während in der Schweiz Antibiotika nur vom Arzt verschrieben werden dürfen, können diese wertvollen Medikamente in anderen Ländern wie Hustensirup und Süsswaren im Supermarkt gekauft werden. Entsprechend gelangen sie viel zu häufig unnötigerweise zum Einsatz. Andere Länder, andere Sitten – allerdings mit langfristig katastrophalen Folgen.

Aber nicht nur, wenn wir selbst Antibiotika einnehmen, können wir zu Trägern resistenter Bakterien werden. Viele resistente Keime gelangen über Nahrungsmittel in unseren Körper. Laut einer Studie aus Schweden bringen 70-100 Prozent aller gesunden und vollständig asymptomatischen Reiserückkehrer aus dem indischen Subkontinent multiresistente Darmbakterien mit. Diese Souvenirs sind kein Problem wenn man gesund ist. Sobald sie aber eine Krankheit verursachen, wird die Behandlung schwierig, teilweise sogar unmöglich.

Aber wie gelangen die resistenten Bakterien in die Nahrungsmittel? Antibiotika werden nicht nur zur Bekämpfung von Infektionen beim Menschen eingesetzt. In den USA kommen beispielsweise rund 80 Prozent aller Antibiotika in der Landwirtschaft zum Einsatz. So werden z.B. schon wegen wenigen erkrankten Hühnern in einer Produktionshalle Bestände mit tausenden von Tieren behandelt. Zudem sind Antibiotika sehr gute Wachstumsförderer und werden deshalb in der Fleischproduktion eingesetzt.
So entstehen viele Resistenzen nicht durch die Antibiotikatherapie bei Menschen, sondern im Tier und gelangen über Nahrungsmittel zu uns. Schon jetzt ist der Grossteil aller Geflügelprodukte in der Schweiz mit resistenten Darmbakterien verunreinigt. Werden diese Produkte unsachgemäss zubereitet, können lebensfähige Bakterien in unseren Körper gelangen und sich dort unbemerkt festsetzen. Mit der Globalisierung der Nahrungsproduktion verlieren wir die Kontrolle über unsere Nahrungsmittel. Der Einsatz von Antibiotika in der Nahrungsmittelproduktion im Ausland ist von der Schweiz aus nicht steuerbar. Nebenbei sei bemerkt, dass multiresistente Bakterien nicht nur im Fleisch, sondern auch auf Gemüse gefunden werden können.

Trübe Aussichten

Bakterielle Infektionen werden mit Antibiotika behandelt. Bei multiresistenten Bakterien wird die Auswahl von möglichen Medikamenten klein. Immer häufiger müssen wir deshalb bei der Behandlung dieser Infektionen auf alte Medikamente zurückgreifen, die viele – teils schwere – Nebenwirkungen verursachen. Es kommt schon heute vor, dass einfache Harnblasenentzündungen nur mit intravenös verabreichten Antibiotika behandelbar sind. Ein Eldorado für die Pharmaindustrie, müsste man glauben. Doch obschon diese in anderen Sektoren täglich neue Substanzen an den Mann oder die Frau zu bringen versucht, ist die Antibiotikapipeline praktisch vollständig ausgetrocknet. Neue Antibiotika gibt es kaum. Seit der Jahrtausendwende ist gerade mal eine Handvoll Medikamente mit neuen Wirkmechanismen auf den Markt gekommen. Der Grund: Die Entwicklung von Antibiotika ist wirtschaftlich nicht attraktiv.

Licht am Ende des Tunnels?

Um das Problem der Antibiotikaresistenz auf nationaler Ebene anzugehen, hat sich der Bundesrat im Rahmen seiner gesundheitspolitischen Prioritäten (Gesundheit 2020) entschlossen, im Verbund mit den Kantonen und weiteren Partnern eine breit abgestützte nationale Strategie gegen die Antibiotikaresistenzen zu erarbeiten. Die im November 2015 vom Bundesrat verabschiedete Strategie Antibiotikaresistenzen (StAR) stellt einen wichtigen Schritt bei dieser globalen Bedrohung dar. Letztlich bleibt aber abzuwarten, ob die lokalen Anstrengungen genügen werden, um die Schweiz gegen den äusseren Resistenzeinfluss zu schützen. Das wird aber nur gelingen, wenn wir Konsumenten nicht weiterhin unterstützen, dass das Poulet aus Osteuropa günstiger ist als eine Handvoll Äpfel des Biobauern von nebenan. Hier ist bei uns allen ein Umdenken nötig, damit auch unsere Enkelkinder noch wirksame Medikamente gegen bakterielle Infektionen zur Verfügung haben.

Autor

PD Dr. Stefan Kuster ist Oberarzt in der Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene am USZ.

 

 

 

 

 

 

 

 

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