Digitale Technologie für komplexe Kieferumstellungen

Die Operation des Kiefers von Giulia Cominetti beinhaltete eine komplexe Schwenkung und Rotation des Oberkiefers. Ziel: die Fehlstellung des Unterkiefers zu korrigieren (siehe Blogbeitrag mit Giulia Cominetti). Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Martin Rücker, Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und Dr. med. Dr. med. dent. Thomas Gander, Oberarzt, zur Herausforderung einer Umstellungsosteotomie.

​Was versteht man unter Umstellungsosteotomien der Kiefer?

Zahn- und Kieferfehlstellungen werden interdisziplinär behandelt. Während reine Zahnfehlstellungen kieferorthopädisch korrigiert werden, erfordern Kieferfehlstellungen meist zusätzlich einen chirurgischen Eingriff. Bei der Umstellungsosteotomie handelt es sich um eine Neupositionierung des zahntragenden Kieferknochens nach einer kontrollierten Durchtrennung der Knochenbasis. In enger Abstimmung legen der Kieferorthopäde und der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg zusammen mit den Patienten den jeweils individuell am besten geeigneten Behandlungsplan fest. Dabei ist unter anderem zu entscheiden, ob eine Umstellung des Ober- und/oder Unterkieferknochens erforderlich ist.

Seit wann und wie macht man diese Eingriffe am USZ?

Die Zürcher Universitätsklinik ist ein Pionier auf dem Gebiet der Umstellungsosteotomien und führt diese Eingriffe seit über 50 Jahren durch. Inzwischen werden die Kieferknochen mittels digital geplanter Schablonen präzise und gewebeschonend durchtrennt. Anschliessend kann der zahntragende Kieferknochen in die gewünschte Position gebracht und dort befestigt werden. Für die Fixation der Kieferteile verwenden wir am USZ patientenindividuell hergestellte Implantate – meist aus Titan –um die am Computer geplante Position exakt umzusetzen.

Giulia Cominetti erzählt, dass sie die Umstellung vor allem hat machen lassen, weil sie damit prognostizierten Problemen im Alter vorbeugen wollte. Welche weiteren Gründe gibt es für Kieferumstellungen?

Fehlstellungen der Kiefer können zu Fehlbelastungen im Bereich der Zähne und des Kiefergelenks führen. Im langfristigen Verlauf begünstigen diese eine muskuloskelettale Dysbalance mit daraus folgender Schmerzproblematik im Kiefergelenk. Überlastungen der Zähne können eine Entzündung der Zahnbinnenstruktur, der sogenannten Pulpa, begünstigen und so eine Wurzelbehandlung erforderlich machen.

Ab dem mittleren Lebensalter können Verengungen im Rachenraum zu nächtlichem Schnarchen mit Atempausen führen. Diese stellen einen wichtigen Risikofaktor für Erkrankungen des Herzkreislaufsystems dar. Schnarchschienen und nächtliche Überdruckbeatmungsgeräte werden nicht von allen Patienten auf Dauer toleriert. In diesen Fällen ist die Indikation zur Erweiterung des Rachenraums durch Vorverlagerung der Kiefer gegeben. Nach der Umstellungsosteotomie verringern sich die Atempausen und damit auch das Risiko für Herzkreislauferkrankungen.

Sind es vor allem Jugendliche, für die eine Umstellungsosteotomie sinnvoll ist?

Eine Umstellung ist prinzipiell in jedem Alter möglich. Kieferfehlstellungen, die chirurgisch behandelt werden, sind über die Invaliditätsversicherung gedeckt. Hierfür müssen strikte Kriterien erfüllt und die Leistungen bis zum abgeschlossenem 20. Lebensjahr erbracht werden. Kann aus verschiedenen, belegbaren, medizinischen Gründen die Behandlung bis dahin nicht durchgeführt werden, erfolgt die Kostenübernahme trotzdem durch die obligatorische Krankenversicherung. Besteht kein Anspruch auf Leistungen der obligatorischen Krankenversicherung, müssen die Kosten privat gedeckt werden.Bei Patientinnen und Patienten mit nachgewiesenem Schlafapnoesyndrom und Intoleranz gegenüber Überdruckbeatmungsgeräten sowie gutem Ansprechen auf eine Schnarchschiene, werden die Kosten aber meist von der obligatorischen Krankenversicherung getragen.

Worauf ist das USZ bei diesen Operationen besonders spezialisiert, wie profitiert der Patient davon?

In den letzten zwei Jahren konnten grosse Fortschritte im Bereich der Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Kieferfehlstellungen erzielt werden. Das USZ hat dabei eine Vorreiterrolle übernommen. Dank dieser modernen, computerassistierten Techniken werden Umstellungsosteotomien sicherer und im Ergebnis vorhersagbarer. Daher ist die stete Weiterentwicklung der digitalen Planungs- und Assistenzverfahren ein wichtiger Forschungsschwerpunkt unserer Klinik.

Was war bei Giulia Cominettis Umstellungsosteotomie speziell?

Die Herausforderung bei Frau Giulia Cominetti war, die gewünschte komplexe Bewegung bestehend aus Schwenkung sowie Rotation des Oberkiefers, von der Planung in die Operation zu übertragen. Durch den Einsatz der digitalen Technik mit patientenspezifischen Implantaten, den dazu passenden Schnittschablonen und moderner dreidimensionaler, intraoperativer Röntgentechnik ist dies präzise gelungen. Die konventionellen Techniken mit 2D Röntgenaufnahmen und einer auf Gipsmodellen basierenden Planung stossen hier klar an ihre Grenzen.

Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Martin Rücker, Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (l.) und Dr. med. Dr. med. dent. Thomas Gander, Oberarzt. Dank der digitalen 3D-Darstellung des Kiefers kann die Umstellungsosteotomie genau geplant werden.

 

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