Neurologie: Den geistigen Abbau messen

Im Alter von Mitte zwanzig erreicht die Fähigkeit, sich «zufällig» und damit unabhängig von erlernten Regeln zu verhalten, ihren Höhepunkt. Zu diesem Ergebnis kommt eine gross angelegte Studie eines internationalen Forscherteams des Laboratoire de Recherche Scientifique in Paris. Die Studienresultate helfen unter anderem den Neurologen, den Abbau von Hirnfunktionen frühzeitig zu messen, erklärt Peter Brugger, Neuropsychologe am USZ und einer der Studienautoren.

​Peter Brugger, zusammen mit Ihren Forscherkollegen haben Sie in einer aufwändigen Studie mit 3400 Personen zwischen 4 und 91 Jahren herausgefunden, dass sich die Menschen Mitte zwanzig am besten von vorgegebenen Mustern lösen können. Die Probanden mussten dafür Aufgaben lösen, in denen sie zufällige Reihenfolgen herstellen sollten. Die Mittzwanziger schnitten dabei am besten ab. Welche Fähigkeiten sind es denn genau, die dafür nötig und in diesem Alter auf ihrem Höhepunkt sind?

Zufall herzustellen heisst jede nur denkbare Art von Regelmässigkeit zu vermeiden. Dafür braucht man die Flexibilität, sich von überlernten Anweisungen zu distanzieren – ganz gelingt das niemals, aber den einen eben besser als den anderen.

Welchen Vorteil kann es haben, genau in diesem Alter diese Fähigkeit optimal entwickelt zu haben?

Ende Adoleszenz ist man auf dem Weg, sein eigenes Leben zu organisieren. Vorher tat man gut daran, sich an Regeln zu halten, die von lebenserfahrenen Älteren vorgegeben wurden. Später übernimmt man selber die Rolle einer erfahrenen Person, die sich mit Regeln bestens auskennt – eben zu gut, als dass man die verlangte Regellosigkeit noch zustande bringen würde!

Und diese Fähigkeit zu regellosem Verhalten schwindet mit dem Alter?

Ja, messbar. Und eben früher, als wir erwartet hätten. Die von den französischen Kollegen entwickelten Komplexitätsmasse, die erstmals erlauben, den Grad der Zufälligkeit von sehr kurzen Verhaltenssequenzen zu messen, zeigen eine kontinuierliche Abnahme mit zunehmendem Alter.

Wofür ist diese Fähigkeit ein Indikator und warum?

Die eine Person bleibt etwas länger 25 als die andere, wenn ich das einmal so ausdrücken darf. Interessant für zukünftige Forschung sind die Persönlichkeitseigenschaften, die es ausmachen, dass das kognitive Altern aufgeschoben wird. Eine lange und gute Ausbildung hilft hier nicht gross, soviel hat unsere Studie bereits gezeigt. Vielleicht spielen früh, das heisst bereits im Vorschulalter erworbene Fähigkeiten, eine Rolle, wahrscheinlich auch eine gesunde, emotionale Verfassung.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus Ihren Erkenntnissen für weitere Untersuchungen? Und wo kommen die Resultate der Studie zur Anwendung?

Wir konnten zeigen, dass «Altern im Geist» schon früh quantifiziert werden kann, nicht erst dann, wenn sich schon Anzeichen eines vorzeitigen Abbaus von Hirnfunktionen bemerkbar machen. Was wir jetzt benötigen, sind Langzeitstudien, welche die individuelle Fähigkeit, sich «regellos» im Sinne von flexibel und spontan zu verhalten, zusammen mit eher konventionellen Testaufgaben zu Lernen und Gedächtnis verfolgen. In der Klinik für Neurologie des USZ wird das «Mentale Würfeln», das ist eine Art der Zufallsgenerierung, seit Längerem in der Demenzabklärung eingesetzt. Auch für die Charakterisierung anderer Hirnfunktionsstörungen dürften sich die Komplexitätsmasse der Studie als hilfreich erweisen.

Originalartikel: http://journals.plos.org/ploscompbiol/article?id=10.1371/journal.pcbi.1005408

Gauvrit N, Zenil H, Soler-Toscano F, Delahaye J-P, Brugger P (2017) Human behavioral complexity peaks at age 25. PLoS Comput Biol 13(4): e1005408. https://doi.org/10.1371/journal.pcbi.1005408

 

Prof. Dr. Peter Brugger ist Neuropsychologe in der Klinik für Neurologie am USZ und beschäftigt sich u.A. mit Phänomenen, bei denen das menschliche Hirn uns einen Streich spielt.

 

 

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