Organspende – fast immer müssen Angehörige entscheiden

Trotz grosser Anstrengungen von Swisstransplant und Kampagnen des BAG ist die aktuelle Zahl der Organspender in der Schweiz verhältnismässig tief. Fast 1500 schwerkranke Patienten warten zurzeit in der Schweiz auf ein neues, lebensrettendes Organ. Oft auch vergeblich: Trotz Rekord an Organspenden sind im letzten Jahr 61 Patienten auf der Warteliste verstorben. Wir haben Renato Lenherr, Intensivmediziner am USZ und ärztlicher Leiter der Donor Care Association DCA, gefragt, warum das so ist und wie die Zahl der Spender erhöht werden kann.

​Im Jahr 2015 wurden am USZ viele Organe gespendet. Doch für das laufende Jahr 2016 sieht es schlecht aus. Im ersten Halbjahr konnten nur sehr wenige Organspender gewonnen werden. Was läuft falsch?

Ich glaube nicht, dass etwas falsch läuft. In den letzten Jahren konnten wir die Zahl der Organspender kontinuierlich steigern. Aber es stimmt: Im ersten Halbjahr 2016 hatten wir nur sehr wenige Spender. Doch das sind Momentaufnahmen. Nur ein kleiner Teil der Verstorbenen kommt als Spender überhaupt in Frage. Da die Fallzahlen klein sind, können schon wenige Spender grosse Schwankungen ausmachen. Es kann sich sehr schnell ändern. Allein im September hatten wir fünf Spender. Das ist sehr viel für einen Monat.

Laut Umfragen ist die Bevölkerung gegenüber der Organspende mehrheitlich positiv eingestellt. Trotzdem ist die Ablehnungsrate hoch, wenn es im Sterbefall dann konkret um eine Organspende geht. Warum?

Mit Organspende beschäftigen sich viele Menschen erst, wenn es unausweichlich ist. Oft werden die Sterbenden mitten aus dem Leben gerissen. Das bedeutet, dass den Angehörigen die Frage nach Organspende zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt gestellt werden muss. Dann, wenn die Angehörigen in tiefer Trauer sind, den Verlust ihrer Liebsten vor Augen haben. In diesen Situationen wird die schwierige Frage nach einer Organspende oft mit Nein beantwortet. Sehr hilfreich wäre, wenn sich die Verstorbenen früher dazu klar geäussert hätten.

Wäre die Einführung der Widerspruchslösung ein gangbarer Weg?

Die Widerspruchslösung mit einem zentralen Register, in das sich jeder, der eine Organspende ablehnt, eintragen kann, bringt den Angehörigen eine enorme Unterstützung in der Entscheidungsfindung. Wichtig ist, dass das Angehörigengespräch weiterhin zentraler Bestandteil der Abklärung einer allfälligen Organspende bleibt und die aktuelle Meinung des Verstorbenen berücksichtigt wird. In diesem Sinne bin ich ein absoluter Befürworter der Widerspruchslösung. Sie führt keineswegs dazu, dass jeder, der sich nicht in das Register einträgt, automatisch Organspender wird, sondern leistet einen echten Beitrag zur Befolgung des Patientenwillens.

Donor Care Association

Das Kernteam der DCA – bestehend aus sechs Organspendemanagerinnen und Organspendemanagern und einem ärztlichen Leiter – übernimmt zentrale Aufgaben bezüglich Organspende im USZ und in allen anderen Spitälern in den sieben im Netzwerk DCA zusammengeführten Kantonen: Zürich, Zug, Schwyz, Glarus, Graubünden, Thurgau und Schaffhausen. Zusätzlich unterstützt es das Spendernetzwerk Luzern. Die DCA hat eine nationale Pionierrolle im DCD-Programm und setzt Massstäbe in den Organspendeprozessen, insbesondere auch bei der Angehörigenbetreuung. www.dca.ch

 

Renato Lenherr ist Oberarzt Chirurgische Intensivmedizin USZ und Ärztlicher Leiter Donor Care Association – Organspende interkantonal.

 

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