«Palliativmedizin ist die umfassende Betreuung unheilbar Erkrankter»

Palliative Care umfasst die Behandlung und Betreuung von Menschen, die an einer unheilbaren Krankheit leiden. In einer solchen Situation geht es nicht mehr primär darum, die Krankheit zu bekämpfen oder das Leben zu verlängern. Vielmehr soll die Lebensqualität von Menschen in ihrer letzten Lebensphase und die ihrer Angehörigen verbessert und erhalten werden. Wir haben uns mit Dr. Stefan Obrist, Ärztlicher Leiter am Kompetenzzentrum Palliative Care des USZ, über Palliative Betreuung unterhalten.

​Was muss man sich unter palliativer Betreuung generell vorstellen?

Solange eine Krankheit eine Aussicht auf Heilung hat, werden die Patienten in einer der Erkrankung entsprechenden Klinik bzw. in einem Zentrum behandelt. Wenn die Krankheit keine Aussicht auf Heilung hat, werden die Prioritäten – und damit meine ich nicht die medizinischen, sondern die persönlichen des Patienten, der Patientin – anders festgelegt. Die Medizin hat dann die Aufgabe, diese Ziele zu unterstützen. Am häufigsten geht es um die Behandlung von Schmerzen, Atemnot und natürlich um die psychische Betreuung.

Wann kommt die palliative Betreuung für Patienten in Frage bzw. wann kommt sie am häufigsten zum Einsatz?

Es ist ein Missverständnis, dass die palliative Betreuung erst in den letzten Tagen und Stunden zum Einsatz kommt. Je früher man die Beratung und Betreuung in unserem Team sucht, desto besser können wir die Patienten unterstützen. Leider ist es aber immer noch so, dass viele Patienten, sich sehr spät für unsere Sprechstunden anmelden, so dass sie diese gar nicht mehr wahrnehmen können, weil sie schon vorher hospitalisiert werden oder sogar versterben. Auf der Bettenstation verbleiben die Patienten im Durchschnitt elf Tage. Etwas mehr als die Hälfte der Patienten versterben bei uns am USZ, rund 30 Prozent können wir wieder nach Hause entlassen. Die übrigen 20% sind Langzeitpatienten. Es sind auch sehr viele junge Patienten betroffen.

Was alles beinhaltet palliative Betreuung am USZ?

Unser Angebot besteht aus drei Teilen: Auf der Palliativstation bieten wir Patienten mit einer schwierig zu behandelnden akuten Symptomatik, in einer instabilen Krankheitssituation oder bei anderen komplexen Problemen die spezialisierte Palliativmedizin hier auf der Bettenstation an. Der Konsiliardienst Palliative Care richtet sich an das medizinische Fachpersonal aus allen medizinischen Fachbereichen des USZ und berät diese bei der Betreuung von stationären Patienten in palliativen Situationen. Die Palliativsprechstunde schliesslich spricht Palliativpatientinnen und -patienten an, die zu Hause oder in einer anderen Institution leben, sowie deren Angehörige und Bezugspersonen. In der Sprechstunde geht es oft um Themen wie komplexe Schmerzbehandlung, Müdigkeit, starke Übelkeit oder Überforderung zu Hause. Es können aber auch schwierige Entscheidungen bezüglich des weiteren Krankheitsverlaufs oder die Planung der verbleibenden Lebenszeit besprochen werden. Was sich verändert hat in den letzten Jahren ist vor allem, dass es in der Medizin kein «austherapiert» mehr gibt. Das heisst, Therapie und Palliativmedizin laufen meist parallel.

Was sind die häufigsten Erkrankungen?

Über 80 Prozent unserer Patienten haben eine Krebsdiagnose. Die weiteren Erkrankungen betreffen das Herz, die Lunge, Nieren oder auch neurologische Erkrankungen. Gerade bei Herzerkrankungen ist es sinnvoll, sehr früh die Palliativberatung in Anspruch zu nehmen. Hier ist eine langfristige Planung, um die Ziele der Patienten zu unterstützen, besonders sinnvoll. PD Dr. Matthias Greutmann, Leitender Arzt am Herzzentrum des USZ, befasst sich beispielsweise mit Herzfehlern bei Kindern. Mit der interdisziplinären Beratung können wir die Patienten bei einer langfristigen Planung unterstützen.

Wie sind die Angehörigen dabei einbezogen?

Gerade für die Angehörigen ist die Palliativberatung sehr wichtig. Ein wichtiges Ziel ist beispielsweise die Patientenverfügung. Was wollen die Patienten wirklich? Die wenigsten möchten auf einer Intensivstation versterben. Es ist deshalb wichtig, dies in einer entsprechenden Verfügung frühzeitig festzuhalten und den Angehörigen so auch schwierige Entscheidungen abzunehmen.

Dr. Stefan Obrist ist seit 2009 am USZ tätig. Seit 2012 ist er Ärztlicher Leiter des Kompetenzzentrum Palliative Care. Der Allgemein-Internist hatte sich schon früher mit dem Thema Palliativ-Medizin auseinandergesetzt, unter anderem als er in einer HIV-Sprechstunde und in der Onkologie tätig war. Die komplexen Situationen, in denen sich die Patienten oft befinden, faszinieren ihn, ebenso die übergreifenden Aufgaben in der Palliativ-Medizin, die ein sehr breites Wissensspektrum erfordern. In der Palliativmedizin müsse auch Ungewöhnliches Platz haben, so Obrist, der selbst bspw. auch über eine Ausbildung in anthroposophischer Komplementär-Medizin verfügt.

 

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