Warten auf das Leben

Sonja Bauer braucht eine Spenderlunge, um weiterleben zu können. Ob sie rechtzeitig ein rettendes Organ erhält, ist ungewiss. In ihrem Gastbeitrag schildert sie, wie sie die Wartezeit im Universitätsspital Zürich erlebt und was sie dabei bewegt. Der Text erschien zum Tag der Kranken in «diesseits», dem Blog der reformierten Kirche Kanton Zürich.

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Sonja Bauer hat 2010 eine Spenderlunge erhalten. Nun braucht sie dringend eine neue.


Meine Augen sind geschlossen. Ich träume von der warmen Sonne, die mir auf den Rücken scheint. Der Zürisee glitzert in wunderschönen Farben, und zu meinen Füssen liegt mein treuer Hund Gino. Wasser tropft aus seinem gelockten Fell. Er liebt das Schwimmen im See ebenso wie ich.

Ich öffne meine Augen und befinde mich im Universitätsspital Zürich auf der Pneumologieabteilung. Ich kenne diese Zimmer in- und auswendig. Die Türen, die Fenster, die Farbe des Fussbodens und die karierte Bettwäsche in Pastelltönen. Das Rauschen des Sauerstoffs holt mich zurück ins Hier und Jetzt. Vier Liter strömen zusätzlich durch meine Nase in meine Lunge. Es ist alles anstrengend, der Weg zur Toilette gleicht einem Bergaufstieg mit grosser Atemnot. Das Haarewaschen ist wie ein Marathon, und vom Haareföhnen reden wir schon gar nicht. Um es auf den Punkt zu bringen: Es geht mir sehr schlecht.

Ich liebe meine Lunge, auch wenn wir es momentan sehr schwer haben zusammen. Sie ist ein wunderbares Geschenk, das ich im Sommer 2010 von einem wunderbaren Menschen bekam. Er oder sie hat mir das Organ gespendet, welch unglaubliche Nächstenliebe, Heldentat, mein Held oder meine Heldin, mein Organspender.

Mir wurde ein neues Leben geschenkt. Zutiefst dankbar bin ich diesem Menschen, seinen Angehörigen. Zutiefst dankbar bin ich dir, Gott. Ich durfte atmen wie nie zuvor, ohne diesen fiesen Schleim, ohne den chronischen Husten der Cystischen Fibrose. Ich durfte laufen ohne Limit, stundenlang, ohne Atempause, einfach atmen, leben, geniessen...wie ein gesunder Mensch. Welch Segen, dies alles zu erleben. Ich durfte mir Wünsche erfüllen, wieder arbeiten, Abenteuer wagen und Träume verwirklichen. Ich heiratete. Meinen verspielten Hund Gino durfte ich als Welpen aufziehen. Er tut mir so gut! Mein Herz ging auf und ist immer noch offen von diesem Wunder.

Doch meine Spenderlunge ist nun müde. Ich habe oft mit ihr geredet und ihr Mut zugesprochen. „Wir schaffen das!" oder „Es wird wieder gut, Gott hilft uns". Daran glaube ich ganz fest, dass Gott uns hilft, dass er eingreift. Nur weiss ich nicht wie und wann, aber ich vertraue auf Ihn.

Ich bin noch jung, ich würde gerne weiterleben. Leben mit all den Menschen, die mir nahe sind. Mit meinem wunderbaren Mann, meiner lieben Mutter, meinen tollen Freundinnen, den unglaublich liebenswerten Menschen an meinem Arbeitsplatz.

Manchmal habe ich Angst, dass ich es nicht schaffe. Ich denke auch über das Sterben nach. Es ist mir nahe und auch wieder nicht. Gelegentlich fühle ich mich wie in einem Film. Meine Lunge wird nach achteinhalb Jahren plötzlich abgestossen – ich kann nichts tun. Plötzlich war die so ersehnte und geliebte Luft wieder weg. Ich möchte aussteigen, es wieder wie früher haben, und kann nicht. Ich bin 41 Jahre alt.

So Gott will, darf ich nochmals auf die Warteliste für eine Spenderlunge. Die, die sich jetzt fragen: «Muss das sein? Will die wieder ein fremdes Organ? Langets denn nöd öppe mal?!», denen kann ich sagen: Sein muss es nicht, aber wenn ein Mensch geht und mir seine passende Lunge schenken möchte, damit ich mit dieser weiterleben darf, atmen, lieben, Gutes tun -  dann sage ich JA! Ja, danke, ja, ich nehme dieses Organ gerne an, halte es in Ehren, halte Sorg dazu und erzähle den Menschen gerne wie du, unbekannter Spender, mein Leben gerettet hast.

In unserer Stube brennt ein Licht, ich vergesse dich nicht.

Sonja Bauer

​Am Universitätsspital Zürich werden seit 50 Jahren Organtransplantationen vorgenommen. Das Transplantationszentrum des USZ verfügt über das grösste Transplantationsprogramm und die längste Erfahrung in der Schweiz.


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