Wenn die Lymphdrainage nicht mehr weiterhilft

Lymphödeme sind Flüssigkeitsansammlungen, die zum Beispiel nach Krebsoperationen und dem Entfernen von Lymphknoten in den Armen und Beinen auftreten können. Meist werden sie mit Physiotherapie behandelt. Werden sie chronisch, kann eine OP helfen. Wir wollten von Prof. Dr. Nicole Lindenblatt, Leitende Ärztin an der Klinik für plastische Chirurgie und Handchirurgie am USZ, wissen, was die Herausforderungen dieser Operation sind.

Prof. Lindenblatt, wie entsteht ein chronisches Lymphödem und wie viele Patienten sind davon betroffen?

Ein chronisches Lymphödem kann angeboren oder erworben sein. Angeborene Lymphödeme sind selten, wohingegen erworbene, d.h. sekundäre Lymphödeme, nach Lymphknotenausräumungen der Achselhöhle oder Leiste bei Tumorerkrankungen auftreten können. So sind z. B. bis zu 50% der Patientinnen nach Lymphknotenausräumung der Achselhöhle im Rahmen der Brustkrebstherapie davon betroffen.

Welche Ausprägungen dieser Erkrankung gibt es?

Es gibt verschiedene Stadien des Lymphödems, die durch den unterschiedlichen Grad der Schwellung und Gewebeveränderung charakterisiert sind. In den ersten Stadien ist das Gewebe noch weich und durch Physiotherapie gut zu drainieren. Im fortgeschrittenen Stadium finden sich Verhärtungen und Fettablagerungen, die deutlich schlechter durch Lymphdrainage zu behandeln sind.

Was sind die Vor- und Nachteile der klassischen Behandlungsmethoden?

Die klassische Behandlungsmethode und die Basis auch jeder chirurgischen Therapie ist die lymphologische Physiotherapie. Durch diese sogenannte komplexe physikalische Entstauungstherapie (KPE) kann das Gewebe von den Wassereinlagerungen, auch Ödem genannt, befreit werden. Zusätzlich wird die Extremität gewickelt und mittels Kompressionsstrümpfen behandelt. Die Therapie muss allerdings sehr konsequent eingehalten werden, um gute Ergebnisse zu erzielen. Es handelt sich um eine rein symptomatische Therapie, d.h. die Ursache der Lymphödeme wird nicht behandelt. Darin liegen die Grenzen, ebenso wie in der Behandlung von fortgeschrittenen Stadien, bei denen das Gewebe verhärtet ist, nicht mehr gut drainiert werden kann und sich grosse Fettansammlungen gebildet haben.

Wo steht die Chirurgie zur Therapie von Lymphödemen heute?

Die Lymphchirurgie hat sich im Verlauf der letzten fünf bis zehn Jahre zunehmend etabliert. Heutzutage ist es aufgrund der technischen Fortschritte möglich, Lymphgefässe von unter 0,5 mm Durchmesser zu nähen und mit Venen zu verbinden, um wieder einen Abfluss der Lymphe ins Gefässsystem zu ermöglichen. Von diesen sogenannten lympho-venösen Anastomosen werden in der Regel drei bis fünf an einer Extremität über kleine Schnitte angelegt. Eine andere Methode ist, ein Lymphknotenpaket gezielt an Gefässen von einer Lokalisation, z.B. vom Hals, in die Leiste oder Achselhöhle zu verpflanzen. Beide Verfahren erfordern ein hohes chirurgisches Können und viel mikrochirurgische Erfahrung.

Am USZ bieten wir beide Verfahren an und führen diese auch regelmässig durch. Die Methode ist dadurch gut standardisiert. In der Zukunft werden sich die Techniken noch weiter verfeinern und wir werden noch besser verstehen, welche der Therapien für welchen Patienten die Beste ist. Dadurch kann das Behandlungskonzept noch individueller gestaltet werden.

Das 1. Frühjahrssymposium 2016 widmete sich diesem Thema. Welche Erkenntnisse haben Sie da gewonnen?

Das grosse Interesse von Patienten, Physiotherapeuten und Ärzten an unserem Symposium zeigte, dass es sich um ein hochaktuelles Thema handelt. Die Lymphchirurgie wurde lange Zeit in der Schweiz nicht angeboten. Es besteht aber ein grosser Bedarf nach Alternativen zur rein konservativen Therapie. Durch die Kooperation zwischen der Klinik für Plastische Chirurgie und Handchirurgie des USZ und Professor Yves Harder aus dem Ospedale Regionale di Lugano können wir diese Therapiemöglichkeit für Patienten in der Schweiz anbieten.

Prof. Dr. Nicole Lindenblatt ist Leitende Ärztin an der Klinik für plastische Chirurgie und Handchirurgie am USZ.

 

 

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