«Ich konnte geschmacklich Senf nicht mehr von Zahnpasta unterscheiden»

Am USZ können Patientinnen und Patienten komplementärmedizinische Behandlungen in Anspruch nehmen. Diese umfassen eine Vielzahl von Verfahren, die zusätzlich zur konventionellen Medizin angewendet werden. Christian P. erzählt, wie nach einer Strahlentherapie Akupunktur seine Lebensqualität verbessert hat.

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«63 Jahre lang habe ich Ruhe gehabt in meinem Leben und dann plötzlich die Diagnose: Plattenepithelkarzinom, inoperabel, weil schon zu gross. Das ist ein Krebs im Hals, würde man da ein Stück wegschneiden, könnte ich nicht mehr schlucken. Ich hätte eine Magensonde für den Rest meines Lebens gebraucht.

Die Alternative dazu bot die Radio-Onkologie. In einem interdisziplinären Tumorboard haben Fachpersonen meine Situation diskutiert. Die Überlebenschance nach einer Strahlentherapie liege bei 80 Prozent oder mehr, hiess es. Da habe ich mich darauf eingelassen. Während zwei Monaten wurde ich täglich bestrahlt und einmal in der Woche erhielt ich eine Chemotherapie. Zeitweise war es die Hölle. Müdigkeit und Kraftlosigkeit, Gewichtsverlust und schliesslich vorübergehend doch eine Magensonde. Es ging einfach nicht anders, ich konnte nichts mehr essen und mir war ständig übel. Ich habe 15 Kilo abgenommen, weil ich die Sonden-Nahrung nicht vertragen habe.

Mit der Zeit wird die Bestrahlung zur Routine. Es geht ja nicht lange und es tut per se ja auch nicht weh. Es sind die Nebenwirkungen, die einem zu schaffen machen. Schon in der Pflegeberatung, zu der ich geschickt wurde, habe ich mir damals überlegt, Komplementärmedizin in Anspruch zu nehmen. Zu dem Zeitpunkt konnte ich geschmacklich Senf nicht mehr von Zahnpasta unterscheiden.

Ich habe relativ früh mit Akupunktur begonnen. Das hatte man mir in der Radio-Onkologie geraten, und auch gesagt, dass es die Behandlung unterstützen könne. Die Akupunktur war spezifisch ausgerichtet auf den Speichelfluss. Die Bestrahlung hatte meine Geschmacksnerven und Speicheldrüsen verbrannt. Einige werden auf immer verloren sein, einige aber, wie jene unter der Zunge, funktionieren jetzt wieder. Ich weiss nicht, wie es gewesen wäre ohne die Akupunktur. Das ist mir aber letztlich Wurst. Die Behandlung im Institut für komplementäre und integrative Medizin hat mich gestärkt im Gefühl, das Richtige zu tun, um wieder zu Kräften zu kommen, um wieder mehr Energie zu haben. Schon alleine die Tatsache, dass man betreut wird, dass sich die Leute in der Komplementärmedizin etwas mehr Zeit nehmen können, hilft.

Ich spürte deutlich, wenn meine Ärztin die Nadeln setzte. Je nachdem wie es mir ging, hat sie unterschiedliche Punkte aktiviert. Sie hatte mir auch gezeigt, auf welche Punkte ich selber drücken kann, um den Speichelfluss wieder anzuregen. Sie hat immer erklärt, warum sie wo die Nadeln setzt. Das habe ich sehr geschätzt. Ich habe diese Behandlung genossen, weil sie mich auch entspannt hat. Ich war jeweils wie in einer anderen Welt.

Neben der Akupunktur habe ich auch von einer speziellen onkologischen Ernährungsberatung profitiert. Ich konnte keine Früchte mehr essen, sie schmeckten plötzlich scheusslich. Die Ernährungsberaterin hat mir empfohlen, zum Beispiel eine Ananas in Stückchen einzufrieren und diese als saure Drops zu lutschen. Das ging von Anfang an sehr gut. Ich konnte auch kein Joghurt mehr essen, obwohl ich das früher so gerne mochte. Ich bekam den Tipp, Mineralwasser mit Joghurt zu verrühren, es süss oder salzig zu würzen, und so zu trinken. Darauf wäre ich nie von selbst gekommen.

Die vielen guten Ratschläge und die Zeit, die man sich für mich nahm, schätze ich sehr. Ich hätte auch an einer Gruppenbehandlung mit anderen Betroffenen teilnehmen können. Das ist aber nicht so mein Ding. Der Austausch mit meiner Partnerin und in meinem Kollegenkreis war mir wichtiger.

Ich hatte ein klares Ziel, ich wollte überleben. Da zitiere ich gerne einen meiner Lieblingsautoren, Hugo Lötscher, der in einem Klappentext schreibt: Ich bin ein Leben lang am Leben geblieben. Das war auch mein Ziel. Meine Lebensqualität hat vielleicht etwas gelitten, aber ich habe die erste Etappe, nämlich zu überleben, erreicht. Jetzt kann ich daran arbeiten, meine Lebensqualität weiter zu verbessern.»

5 Jahre Institut für komplementäre und integrative Medizin

Seit 2014 gibt es am USZ das Institut für komplementäre und integrative Medizin (IKI). Es nimmt Aufgaben in der Versorgung und in der Forschung und Lehre wahr. Dafür kombiniert es Tradition mit moderner Technologie. Angeboten werden begleitende Behandlungen für Patientinnen und Patienten mit onkologischen Erkrankungen, chronischen Schmerzerkrankungen sowie chronisch entzündlichen und funktionellen Darmerkrankungen. Die komplementärmedizinischen Schwerpunkte liegen dabei auf Mind Body Medicine, Akupunktur, Hypnose und Phytotherapie. ​

Akupunktur

​Akupunktur ist ein Therapieverfahren aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Mit Hilfe von dünnen Akupunkturnadeln wird an genau definierten Punkten am menschlichen Körper ein Behandlungsreiz gesetzt. Diese Therapie ist u. a. bei chronischen Schmerzen der Wirbelsäule, der Muskeln und der Gelenke sowie bei Kopfschmerzen hilfreich und es treten nur wenige Nebenwirkungen auf. Akupunktur kann auch zur Verbesserung der Verträglichkeit der antitumoralen Therapien beitragen und die Fatiguesymptomatik bei einer Krebserkrankung reduzieren.



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