Hohe Pflegequalität trotz Spardruck

Die Arbeitsbedingungen von Pflegefachpersonen haben sich mit der Einführung des neuen Tarifsystems im Jahr 2012 verändert. Die Qualität der Pflege hat jedoch kaum darunter gelitten. Pflegewissenschaftler des UniversitätsSpitals Zürich und weiterer Schweizer Spitäler führen dies darauf zurück, dass Pflegende und Führungsverantwortliche gegensteuern. Sie erwarten aber, dass die Herausforderungen zunehmen.

​Fünf Schweizer Akutspitäler sind an einem laufenden Forschungsprojekt beteiligt, das untersucht, wie sich die Pflege seit der Abrechnung nach Fallkostenpauschalen entwickelt. Eine erste Datenerhebung erfolgte 2011, noch vor Einführung der DRG («Diagnose Related Groups»), im Rahmen der vom Schweizerischen Nationalfonds und weiteren Stiftungen unterstützten interprofessionellen Sinergia Studie «Impact of Diagnosis Related Groups on Patient Care and Professional Practice» (IDoC). 2015 wurde eine erneute Befragung zum Thema durchgeführt. Nun liegen die Ergebnisse einer ersten vergleichenden Auswertung vor. «In vielen Bereichen gab es kaum Veränderungen», sagt Michael Kleinknecht von der Direktion Pflege und MTTB des UniversitätsSpitals Zürich und Leiter des Projekts. Etwa gleich gut bewertet wurden Faktoren, welche die Qualität der Arbeitsumgebung beschreiben, wie die Grösse der Teams, die Zusammenarbeit zwischen Pflegepersonen und Ärzten sowie das Führungsverhalten von Vorgesetzten.

Hohe Arbeitszufriedenheit

Nicht angestiegen ist der moralische Stress, den Pflegende erleben können, wenn sie nicht so pflegen können, wie das ihren berufsethischen Werten entsprechen würde. Wird wenig moralischer Stress erlebt, ist die Zufriedenheit höher und der Wunsch die Stelle zu verlassen, gering. Insgesamt ist die Arbeitszufriedenheit hoch geblieben. Dass viele Resultate vergleichbar sind, wertet Kleinknecht positiv: «Offenbar gelingt den Führungskräften und den Pflegepersonen der Balanceakt zwischen Qualitäts- und Ökonomiezielen weitgehend.»
Allerdings zeigen die Daten auch, dass häufiger geplante und notwendige Pflegemassnahmen nicht so durchgeführt werden konnten, wie dies aus professioneller Sicht notwendig gewesen wäre. Auf den Intensivabteilungen des UniversitätsSpitals Zürich sei zum Beispiel die Arbeitsbelastung im Vergleich mit anderen Abteilungen und Spitälern angestiegen, sagt Kleinknecht. Stelle man solche Tendenzen fest, müsse man sie wachsam weiterverfolgen. Denn die Herausforderungen würden sich vermutlich noch verstärken.

Weitere Erhebung in zwei Jahren

«Wenn Kosten gespart werden müssen, ist entscheidend, welche Prioritäten gesetzt werden, damit Pflegequalität und Patientensicherheit nicht darunter leiden», sagt Prof. Rebecca Spirig, Direktorin Pflege und MTTB am UniversitätsSpital Zürich und Studienverantwortliche. Weitere Monitorings seien notwendig, um Führungspersonen datenbasierte Grundlagen für die Weiterentwicklung und Steuerung der Pflege zu liefern. Die nächste Datenerhebung ist für 2019 geplant.

DRG-Begleitforschung Pflege

Seit 2012 haben alle Spitäler in der Schweiz ein neues Tarifsystem, um die Kosten der Patientenversorgung zu berechnen. Jeder Patient wird einer Fallgruppe (DRG) zugeordnet. Welche das ist, hängt von seiner Hauptdiagnose, den Nebendiagnosen und der Therapie sowie von Alter und Geschlecht ab. Das SwissDRG-System erfasst medizinische Diagnosen und Behandlungen, Leistungen der Pflegenden können nur in besonderen Fällen zusätzlich erfasst werden. Die DRG-Begleitforschung Pflege hat zum Ziel, ein Monitoring aufzubauen, mit dem im Rahmen der DRG-basierten Finanzierung einhergehende Veränderungen bei der
Arbeitsumgebungs- und Pflegequalität erfasst und entsprechende Auswirkungen auf Patientensicherheit und Pflegeergebnisse abgebildet werden können. Am Forschungsprojekt «Monitoring des Einflusses der DRG-Finanzierung auf Pflegekontextfaktoren in Schweizer Akutspitälern», wie der offizielle Titel der DRG
Begleitforschung Pflege lautet, beteiligen sich die drei Universitätsspitaler Basel, Bern und Zürich, das Kantonsspital Winterthur und die Solothurner Spitäler AG. Bislang gab es zwei Befragungen von jeweils mehr als 2000 Pflegefachpersonen sowie ergänzende Interviews zu ausgewählten Aspekten.

Ansprechpartner für Fragen:
Prof. Dr. Rebecca Spirig, Direktorin Pflege und MTTB am UniversitätsSpital Zürich
Tel.: +41 44 255 30 17; rebecca.spirig@usz.ch

Ausgewählte Publikationen zum Thema:
Kleinknecht-Dolf, M., Haubner, S., Wild, V., & Spirig, R. (2015). Wie erleben Pflegefachpersonen moralischen Stress in einem Schweizer Universitätsspital? Pflege&Gesellschaft, 20(2), 115-132.

Kleinknecht-Dolf, M., Spichiger, E., Frei, I. A., Müller, M., Martin, J. S., & Spirig, R. (2015). Monitoring von Pflegekontextfaktoren: Erste deskriptive Studienresultate einer Querschnittserhebung der schweizerischen DRG Begleitforschung Pflege vor Einführung der SwissDRG. Pflege, 28(2), 93-107.

Rettke, H., Frei, I. A., Horlacher, K., Kleinknecht-Dolf, M., Spichiger, E., & Spirig, R. (2015). Pflege im Vorfeld von SwissDRG-Erfahrungen von Pflegenden mit interprofessioneller Zusammenarbeit, Führungsverhalten, Arbeitslast und Arbeitszufriedenheit. Pflege, 28(3), 133-144.

The IDoC group, Wild, V., Fourie, C., Frouzakis, R., Clarinval, C., Fässler, M., et al. (2015). Assessing the impact of DRGs on patient care and professional practice in Switzerland (IDoC) – a potential model for monitoring and evaluating healthcare reform. Swiss Medical Weekly (Vol. 145, pp. w14034): EMH Swiss Medical Publishers Ltd.


Medienmitteilung als Druckversion (PDF)


Am Montag, 8. Mai 2017, findet das Abschlusssymposium​ zur DRG Begleitforschung Pflege am UniversitätsSpital Zürich statt.