Beispiel

Frage

«Seit meinem 20. Lebensjahr leide ich an Herzrasen und -stolpern. Es kommt vor allem in Ruhephasen vor, ganz stark, wenn ich auf der rechten Seite einschlafen möchte oder auf dem Rücken mit erhöhtem Oberkörper liege, aber auch, wenn ich mich rasch bücke. Sobald ich die Position wechsle, schlägt mein Herz wieder normal.

Bei der Abklärung beim Herzspezialisten vor 15 Jahren (Ruhe- und Langzeit-EKG, Röntgenbild, Ultraschall) konnte keine krankhafte Ursache meiner Beschwerden festgestellt werden. Es wurde zwar ein «diskreter Prolaps» der Mitralklappe gefunden, doch kein Zusammenhang mit den Beschwerden vermutet.

Ich habe dann gelernt, damit zu leben, aber seit etwa 6 Monaten sind die Rhythmusstörungen wieder sehr stark, neu auch bei der Arbeit (als Lehrerin). Auch mit Einschlafen habe ich Mühe, weil ich nur auf der linken Seite liegen kann. Rechts bekomme ich sofort Herzrasen und -stolpern. Hinzu kommen Druckgefühle hinter dem Brustbein, aber nur in Ruhe.

Ich mache zweimal pro Woche Kraft- und Ausdauertraining. Dabei fühle ich mich fit und habe auch nur ganz selten diese Beschwerden (wenn, dann nur, wenn ich etwas sehr Schweres hebe).

Eine Blutuntersuchung vor 2 Monaten beim Hausarzt (inklusive Schilddrüsenwert) ergab normale Werte. Ich versuche, die Rhythmusstörungen zu ignorieren, aber bekomme trotzdem immer wieder Panik. Soll ich das noch einmal genau abklären lassen? Ist es gefährlich? Kann ich etwas dagegen tun?»

  • weiblich
  • 36 Jahre
  • 62 kg / 172 cm / BMI 20,96
  • Nichtraucherin
Antwort

Sie schreiben uns wegen unangenehmen Wahrnehmungen Ihres Herzschlags. Das Verspüren des eigenen Herzschlags wird in der medizinischen Fachsprache auch als Palpitation bezeichnet. Palpitationen sind relativ häufig und sehr oft ein harmloses Phänomen bei besonders empfindlichen oder aufmerksamen Personen. Manche Menschen verspüren den Herzschlag vor allem bei Stress oder bei starken Emotionen (vor allem bei Aufregung, Angst) oder nach gewissen Genussmitteln wie Kaffee. Kann der Herzschlag verspürt werden, kann auch gelegentlich eine Unregelmässigkeit (Arrhythmie, «Herzstolpern») oder ein eher rascher Herzschlag («Herzrasen») wahrgenommen werden. Unregelmässige Herzschläge treten bei allen Personen in einem gewissen Ausmass auf und sind nur in speziellen Situationen gefährlich, wenn sie zum Beispiel gehäuft und ganz rasch hintereinander auftreten. Nur selten liegt den Palpitationen eine eigentliche strukturelle Erkrankung des Herz-Kreislaufsystems zugrunde, insbesondere in Ihrem Alter und bei guter Leistungsfähigkeit. Und ebenfalls nur selten sind Extraschläge (Extrasystolen) und Episoden mit raschem Herzschlag gefährlich und behandlungsbedürftig.

Die im Wesentlichen normale Abklärung vor 15 Jahren sowie die Tatsache, dass die Beschwerden fast nie beim Sport auftreten, sind grundsätzlich beruhigend und deuten darauf hin, dass wahrscheinlich keine gefährliche Rhythmusstörung oder relevante Herzerkrankung vorliegt.

Da Sie nun aber noch zusätzliche Beschwerden haben (Druckgefühl) und die Palpitationen auch in anderen Situationen als früher auftreten, raten wir Ihnen, sich nochmals kardiologisch (beim Herzspezialisten) untersuchen zu lassen. Die Tatsache, dass damals ein Mitralklappen-Prolaps beschrieben wurde, spricht auch für eine erneute Abklärung, um zu schauen, ob und wie sich der Prolaps verändert hat und ob eine zeitgleiche Mitralinsuffizienz (Undichtigkeit der Klappe mit Rückfluss von Blut von der Herzkammer in den Herzvorhof) besteht. Letzteres kann gelegentlich vorkommen bei Prolaps und könnte seinerseits dann wieder Palpitationen begünstigen. Auch ist der Prolaps per se vermutlich mit einer leicht erhöhten Rate an Herzrhythmusstörungen verbunden. Nebst einer erneuten Echokardiographie (Herzultraschall) ist auch wieder ein EKG über eine längere Zeit (Holter-EKG) sinnvoll: Bei täglichen Symptomen genügt meistens eine 24-Stunden-Aufzeichnung, sonst sind 48 Stunden empfehlenswert. Ein Belastungs-EKG kann Rhythmusstörungen während der Belastung identifizieren und gehört wie das Ruhe-EKG zu einer kardiologischen Standarduntersuchung.

Zusammengefasst ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine gefährliche Rhythmusstörung vorliegt, aufgrund Ihrer Beschwerdefreiheit beim Sport und der langjährigen Symptomatik gering. Dennoch drängt sich wegen des bekannten Mitralklappenprolaps und den veränderten Beschwerden eine gelegentliche Abklärung auf. Nach erfolgter Abklärung kann Sie Ihr Herzspezialist auch gezielt über eventuelle Therapiemassnahmen (je nach Befunden unterschiedlich) informieren.