«Eine Spende ist keine grosse Sache»

Am 28. Mai ist Welt-Blutkrebs-Tag. Die wichtigsten Antworten zu Leukämie, deren Behandlung und über die Transplantation von Blutstammzellen.

Text : Danica Gröhlich, Redaktorin bei «GESUNDHEITHEUTE»

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Frau Dr. Müller, jedes Jahr erkranken in der Schweiz 1100 Menschen an Leukämie. Was weiss die Forschung über die Ursache?

Grundsätzlich sind Leukämien bösartige Entartungen bei der Blutbildung im Knochenmark. Dabei kommt es zu einer unkontrollierten Vermehrung von Zellen. Über die Ursachen von Leukämie ist nur wenig bekannt. Wir wissen aber, dass bestimmte Giftstoffe, etwa Benzin oder eine Strahlenbelastung wie in Tschernobyl, vermehrt zu Leukämie führen können. In seltenen Fällen treten familiäre Häufungen auf. Nach einer vorangegangen Krebstherapie, zum Beispiel bei Brustkrebs oder Lymphknotenkrebs, besteht ebenfalls ein erhöhtes Risiko, später an akuter Leukämie zu erkranken. Die Ernährung oder Hormone spielen bei der Entstehung mancher Krebsarten eine Rolle. Bei der akuten Leukämie gibt es jedoch keine eindeutigen Verursacher, die man meiden könnte.


Welche Leukämie-Formen gibt es?

Im Wesentlichen teilen wir die Arten in die bei Kindern häufige Lymphatische Leukämie ein, die bei Erwachsenen etwas seltener auftritt. Bei Erwachsenen ist die akute Myeloische Leukämie wesentlich häufiger. Zusätzlich unterschieden wird zwischen akuten Verläufen, die sehr aggressiv sind und unbehandelt über kurze Zeit zum Tod führen, und chronischen Formen mit langsamerem Verlauf. Akute Leukämien machen drei Prozent aller Krebserkrankungen aus. Männer sind mit über 60 Prozent häufiger betroffen. Da sich genetische Veränderungen im Laufe des Lebens anhäufen, ist fast die Hälfte bei der Diagnose über 70 Jahre alt.


Welche Anzeichen haben Leukämie-Kranke?

Meistens relativ unspezifische Symptome wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit, oftmals lang andauernde Infekte, auch Zahnfleisch und Nasenbluten. Im Blutbild werden dann unreife Blutzellen sichtbar, die normalerweise nur im Knochenmark vorkommen. Zudem können gesunde Blutzellen wie rote Blutkörperchen, Blutplättchen und reife Immunzellen deutlich vermindert sein. Für die Diagnosesicherung und genaue Einteilung der Leukämie wird unter lokaler Betäubung eine Punktion des Knochenmarks am Becken vorgenommen. Hierbei sieht man oftmals, ob die gesunde Reifung durch unreife Leukämiezellen verdrängt wurde. Diese Untersuchung ist zudem wichtig, weil wir damit eine Leukämie in eine von circa 50 Untergruppen unterteilen können, was für die Prognose und gewisse Therapieanpassungen hilft.


Ist eine Heilung möglich?

Die Prognose der verschiedenen Unterformen der Leukämie ist teils sehr unterschiedlich. Während akute Leukämien bei Kindern sehr häufig geheilt werden können, haben bei Erwachsenen nur sehr seltene Untergruppen der akuten Myeloischen Leukämie eine Heilungschance von über 90 Prozent, die sogenannte Promyelozyten-Leukämie, wohingegen die meisten anderen Leukämie-Arten schwieriger zu heilen sind. Bei manchen Leukämien und auch bei Krankheitsrückfällen wird üblicherweise eine Stammzelltransplantationen vorgenommen, vorausgesetzt die Patienten sind hierfür fit genug. Viele der Leukämie-Patienten haben jedoch aufgrund des fortgeschrittenen Alters Vorerkrankungen wie ein Herzinfarkt oder Schlaganfall, was die Behandlung erschwert. Wir müssen dann gemeinsam abwägen, ob die Person noch einer intensiven Chemotherapie unterzogen werden kann oder, ob das Risiko zu hoch ist, daran zu sterben. Zur Linderung kommen dann auch palliative Therapieformen infrage, die eine Lebensverlängerung bei möglichst guter Lebensqualität anstreben. Eine Blutstammzelltransplantation von einem Fremdspender entspricht zugleich einer Immuntherapie. Denn es werden nicht nur Blutstammzellen, sondern auch ein Zellgemisch übertragen, in dem sich langlebige Immunzellen des Spendenden befinden. Diese haben die Aufgabe, alles zu attackieren, was fremd ist. Sie erkennen so auch einzelne versteckte Leukämiezellen. Dies macht eine Transplantation erfolgreicher als eine Chemotherapie alleine, die nach dem Ausscheiden aus dem Körper keinen nachhaltigen Effekt mehr hat. Die transplantierten Zellen können über Jahrzehnte überleben. Das ist natürlich noch keine Garantie. Dennoch ist eine allogene Transplantation, bei der Spender und Empfänger verschiedene Personen sind, effektiver.


Wer ist für eine Blutstammzellspende geeignet?

Da es sich um eine Immuntherapie handelt, müssen Spender und Empfänger optimalerweise in 10 bis 12 Merkmalen des Immunsystems übereinstimmen. Ansonsten kann die Immunattacke, umgekehrte Abstossungsreaktion, tödlich enden. Zuerst schauen wir uns die Geschwister an, die eine Chance von 25 Prozent haben übereinzustimmen. Diese müssen gesund, spendewillig und höchstens 70 Jahre alt sein. Stehen keine passenden Geschwister zur Verfügung, wird das Register mit knapp 40 Millionen Einträgen durchforstet. Für Neuregistrierungen gilt übrigens eine Altersbeschränkung von 18 bis 40 Jahren in der Schweiz. Findet sich im Register auch kein passender Spender, dann werden mit einem Manöver doch halbpassende Geschwister oder Kinder genommen oder eingefrorene Zellen aus Nabelschnurblut. Junge Männer sind unsere liebsten Spender, da ihre Stammzellen am besten mobilisierbar sind.


Wie läuft eine Spende ab?

In der Regel bringen wir die Blutstammzellen medikamentös in die Blutbahn. Dafür spritzt sich der Spender den Wachstumsfaktor selbst ins Fettgewebe am Bein. Die Stammzellen vermehren sich so stark, dass sie in die Blutbahn überschwappen. Am 5. Tag werden diese abgesammelt: An einem Arm fliesst das Blut in eine Maschine mit Zentrifuge, die es in seine Bestandteile auftrennt. Die Blutstammzellen werden abgesaugt, der Rest geht über den anderen Arm wieder zurück in den Körper. Somit bleibt der Blutverlust gering. Weil die Blutbildung normalerweise nicht spürbar ist, können auftretende Knochenschmerzen gut mit Paracetamol behandelt werden. Eine Blutstammzellspende ist also keine so grosse Sache und zumutbar!


Wie läuft eine Transplantation ab?

Leukämie-Kranke bleiben für die Blutstammzelltransplantation vier bis sechs Wochen im Spital. Während der ersten circa sieben Tage erfolgt eine hochdosierte Chemound Immuntherapie, um die eigene Blutbildung zu stoppen und die Immunbarriere zu beseitigen. Die eigentliche Transplantation verläuft recht unspektakulär als Infusion. Die Stammzellen finden den Weg ins Knochenmark alleine. Bereits zwischen dem 12. und 20. Tag tauchen neu gebildete Blutzellen in der Blutbahn auf. Während dieser Zeit werden Leukämie-Kranke auf speziellen Stationen mit Luftfiltern vor Infekten geschützt. Um eine umgekehrte Abstossungsreaktion zu verhindern, müssen Transplantierte in den ersten Monaten etliche Medikamente einnehmen, die das Immunsystem unterdrücken. Eine Gratwanderung, damit es nicht zu Organ schäden kommt! Das ist wie Auto fahren mit einem Fuss auf dem Gas und dem anderen auf der Bremse. Die ersten 100 Tage nach der Transplantation muss die Person so leben, wie wir es zu Corona-Zeiten wohl alle kennen: mit Maske, ohne Besuch und völlig abgeschirmt. Im günstigsten Fall stehen die Heilungschancen bei 60 bis 70 Prozent. Aber: Menschen mit einer Leukämie lassen diese Prozedur nur über sich ergehen mit dem Ziel der Heilung vor Augen, was auch gelingen kann.


Weitere Informationen:


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PD Dr. Antonia M.S. Müller ist Oberärztin m.e.V.,
Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie, am Universitätsspital Zürich.



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