Warum nicht jeder Alkoholiker eine Leberzirrhose entwickelt

Das Risiko eines Menschen, an einer Leberzirrhose zu erkranken, hängt nicht allein von der Menge des konsumierten Alkohols ab. Eine entscheidende Rolle spielt unter anderem, welche Varianten dreier Gene ein Mensch im Erbgut trägt. Dies hat ein internationales Forscherteam in einer Studie herausgefunden, die heute in der Fachzeitschrift «Nature Genetics» publiziert wurde.

​Wer übermässig Alkohol konsumiert, nimmt Beeinträchtigungen der Gesundheit in Kauf, denkt man. Aber nicht jeder Trinker entwickelt eine Leberzirrhose: «Unsere Studie zeigt interessanterweise, dass die Menschen eine erstaunlich unterschiedliche Veranlagung mitbringen. Diese individuelle Veranlagung bestimmt, ob und wie stark sich alkoholbedingte Schäden entwickeln oder nicht», sagt Privatdozent Dr. Felix Stickel von der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie am UniversitätsSpital Zürich. Er ist einer von drei federführenden Autoren der internationalen Untersuchung, die unter anderem vom Schweizer Nationalfonds (SNF) unterstützt wurde.

Zehnfach erhöhtes Risiko
Die Forscher aus der Schweiz, Deutschland, Österreich, Belgien und England haben herausgefunden, dass Varianten dreier Gene im Erbgut die Gefahr einer Leberzirrhose steigern. Hierzu hatten die Wissenschaftler mit Hilfe von Blutproben die DNA von über 4‘000 Alkoholkranken mit und ohne Leberzirrhose untersucht. Eines der Risikogene war bereits bekannt. Sowohl für das bekannte als auch für die beiden neu gefundenen Gene konnten die Forscher einen eindeutigen statistischen Zusammenhang mit dem Zirrhose-Risiko belegen: «Menschen mit bestimmten Genvarianten haben ein fünf- bis zehnfach erhöhtes Risiko, eine Leberzirrhose zu entwickeln», so Dr. Felix Stickel.

Die Entstehung von Leberzirrhosen besser verstehen
Die Ergebnisse der Studie eröffnen den Medizinern die Möglichkeit, besonders gefährdete Menschen früh zu identifizieren. Ausserdem helfen sie, den Entstehungsprozess einer Leberzirrhose besser zu verstehen. «Alle drei Gene spielen eine Rolle im Fettstoffwechsel», erklärt Dr. Felix Stickel. Neben ihrer Funktion als Energiespeicher dienen Fettmoleküle, auch Lipide genannt, dem Körper als Signale und Regulatoren für bestimmte Stoffwechselprozesse. «Wenn wir den Krankheitsverlauf auf molekularer Ebene verstehen, können wir womöglich Therapien entwickeln, mit denen sich der Krankheitsprozess aufhalten lässt», hofft er.

In der Schweiz ist der Alkoholkonsum fest in der Gesellschaft verankert. Rund 100‘000 bis 120‘000 Menschen leiden hierzulande an einer alkoholbedingten Leberzirrhose. Diese können chronisches Leberversagen oder Leberkrebs zur Folge haben. In vielen Fällen kann nur eine Lebertransplantation das Leben der Patienten retten.

Studie:
A genome-wide association study confirms PNPLA3 and identifies TM6SF2 and MBOAT7 as risk loci for alcohol-related cirrhosis.
Buch S, Stickel F, Trépo E, Way M, Herrmann A, Nischalke HD, Brosch M, Rosendahl J, Berg T, Ridinger M, Rietschel M, McQuillin A, Frank J, Kiefer F, Schreiber S, Lieb W,  Soyka M, Semmo N, Aigner E, Datz C, Schmelz R, Brückner S, Zeissig S, Stephan AM, Wodarz N, Devière J, Clumeck N, Sarrazin C, Lammert F, Gustot T, Deltenre P, Völzke H, Lerch MM, Mayerle J, Eyer F, Schafmayer C, Cichon S, Nöthen MM, Nothnagel M, Ellinghaus D, Huse K, Franke A, Zopf S, Hellerbrand C, Moreno C, Franchimont D, Morgan MY, Hampe J.
Nature Genetics; Online-Vorabpublikation vom 19.10.2015; DOI:10.1038/ng.3417

Ansprechpartner für Fragen:
PD Dr. Felix Stickel
Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie, UniversitätsSpital Zürich Kontakt über die Medienstelle
Tel. 044 255 86 20; E-Mail: medien@usz.ch

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