Bei Patientinnen und Patienten mit mittelschwerer Lungenembolie führt eine kombinierte Therapie aus Blutverdünnung und Ultraschall-beschleunigter kathetergestützter Auflösung der Blutgerinnsel zu einer Reduktion von Sterblichkeit, Kreislaufzusammenbruch und Rezidiv-Embolie nach sieben Tagen im Vergleich zur alleinigen Behandlung mit Blutverdünnern. Diese Resultate einer Studie mit Beteiligung der Klinik für Angiologie am Universitätsspital Zürich könnten die Behandlung Betroffener massiv verbessern.
Lungenembolien sind Blutgerinnsel (Thromben), welche Blutgefässe in den Lungen teilweise oder vollständig verschliessen können. Solche Thromben entstehen in Form von Venenthrombosen häufig in den Beingefässen und werden von dort mit dem Blutstrom in die Lunge verschleppt. Dort angekommen, behindert der Thrombus die Durchblutung der Lunge; in der Folge werden die Lunge und der Körper nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Als Folge der Gefässverstopfung kann es zudem zu einer grossen Herzbelastung kommen, weil das rechte Herz gegen einen erhöhten Widerstand des verstopften Gefässsystems pumpen muss. In schwereren Fällen kann eine akute Lungenembolie zum Kreislaufstillstand oder plötzlichen Tod führen. Fachleute schätzen die Anzahl der Todesfälle durch akute Lungenembolien allein in Europa auf bis zu 100‘000 pro Jahr.
Kleine Lungenembolien sind in der überwiegenden Mehrheit der Fälle gut mittels blutverdünnender Medikamente behandelbar und heilen folgenlos wieder aus. Bei schweren oder lebensbedrohlichen Lungenembolien, insbesondere wenn eine medikamentöse Behandlung allein nicht ausreicht, kann eine kathetergestützte Therapie zum Einsatz kommen. Dabei wird über einen Katheter, der meist über die Leistenvene eingeführt wird, direkt in das betroffene Lungengefäss ein Medikament zur Auflösung des Blutgerinnsels (Thrombolyse) verabreicht oder das Gerinnsel mechanisch entfernt. Diese Verfahren ermöglichen eine schnelle Entlastung des Lungenkreislaufs und können das Risiko von Komplikationen und Tod reduzieren.
Lungenembolien erfordern risikoangepasste Therapien
Akute Lungenembolien treten in verschiedenen Schweregraden auf, die eine spezifische, risikoangepasste Behandlung jedes Patienten erfordern, um die Embolie wirksam zu behandeln und dabei keine weiteren Schäden wie grössere Blutungen oder einen Schlaganfall zu riskieren. In der ULTIMA Studie von 2014 konnte Nils Kucher, Direktor der Klinik für Angiologie am USZ, zeigen, dass bei akuten mittelschweren Lungenembolien die Ultraschall-beschleunigte kathetergestützte Auflösung von Blutgerinnseln zu einer raschen Besserung der Belastung des Herzens führt, dies im Vergleich zur alleinigen Behandlung mit Blutverdünnern.
Kombinierte Therapie im Vergleich mit der Standardtherapie
In einer grossen internationalen Studie wurde nun untersucht, ob mit dem von Nils Kucher eingeführten Verfahren die Verbesserung der Herzfunktion auch zu einer Verbesserung von wichtigen klinischen Outcomes führt. So sollte die Higher-risk Pulmonary Embolism THrombolysis-Studie (HI-PEITHO) zeigen, ob die kombinierte Behandlung aus Ultraschall-beschleunigter kathetergestützter Auflösung der Thromben plus medikamentöse Behandlung sich im Unterschied zur Behandlung allein mit Blutverdünnung positiv auf die Sterblichkeit, Kreislaufzusammenbruch und Rezidiv-Embolien, also wiederauftretende Embolien, innerhalb von sieben Tagen auswirkt.
Zwischen August 2021 und Juli 2025 wurden 544 Patientinnen und Patienten mit mittelschweren Embolien für die Studie rekrutiert. Das mittlere Alter der Patientinnen und Patienten lag bei 58.2 Jahren, der Anteil Frauen lag bei 42.6%. Die Hälfte der Teilnehmenden wurde mit Blutverdünnern behandelt, bei der anderen Hälfte wurde eine Ultraschall-beschleunigte kathetergestützte Auflösung von Blutgerinnseln plus eine medikamentöse Blutverdünnung durchgeführt. Die Situation der Teilnehmenden wurde nach 72 Stunden, nach sieben und nach 30 Tagen überprüft.
Deutlich besseres Ergebnis für die Studientherapie
Bei 11 (4.0%) der Patientinnen und Patienten mit der kombinierten Therapie trat innerhalb der für die Studie festgelegten sieben Vergleichstage der primäre Endpunkt ein: d.h. sie erlitten weder einen Kreislaufzusammenbruch noch ein Rezidiv oder starben, gegenüber 28 (10.3%) Ereignissen in der Vergleichsgruppe. Der Erfolg beruhte vor allem darauf, dass weniger Kreislaufversagen und -kollapse auftraten. Bei den Patienten mit kombinierter Therapie traten innerhalb von sieben Tagen bei 10 (3.7%) grössere Blutungen auf, bei der Vergleichsgruppe bei 4 (1.5%). Bei weiteren unerwünschten Ereignissen unterschieden sich die Gruppen nicht; Hirnblutungen traten in beiden Gruppen keine auf.
Der Unterschied beim primären Endpunkt ist signifikant. Die Zahlen erlauben die Annahme, dass in der Gruppe der Studienteilnehmenden mit kombinierter Therapie mehrere Todesfälle verhindert werden konnten.
Mögliche Aktualisierung der weltweiten Behandlungsrichtlinien
«Die Zahlen der Studie sind deutlich», sagt auch Nils Kucher. «Die Patientinnen und Patienten profitieren von der kombinierten Therapie. Dies gibt Anlass, in der Fachwelt die bestehenden Behandlungsrichtlinien für diese Patientengruppe neu zu beurteilen und anzupassen. Das Wissen aus der Studie wenden wir aber schon jetzt im klinischen Alltag an.»
Von der Behandlung schon profitiert hat die bekannte Schweizer Beachvolleyballspielerin Tanja Hüberli. 2019 wurde sie aufgrund einer schweren Lungenembolie am USZ mit Ultraschall-beschleunigter Thrombolyse behandelt und machte dies auch in den Medien bekannt. Sie erholte sich von der Krankheit so gut, dass sie in den Profisport zurückkehren konnte und Goldmedaillen an den Europameisterschaften und eine Bronzemedaille an den Olympischen Spielen in Paris errang.
Die Ergebnisse der HI-PEITHO-Studie wurden an der ACC26, der Tagung des American College of Cardiology in New Orleans als «Late Breaking Clinical Trial» präsentiert und zeitgleich im New England Journal of Medicine publiziert.
Publikation
Kenneth Rosenfield et al. Ultrasound-Faciliated Catheter-Directed Fibrinolysis for Acute Pulmonary Embolism. New England Journal of Medicine, 2026.