Knochen- und Weichteilsarkome: Nichts für Einzelkämpfer

Sara* ist 10 Jahre alt. In den letzten Monaten ist sie kräftig gewachsen. «Bist Du gross geworden!», diesen Satz hört sie häufig. Oft schmerzen sie die Beine und Handgelenke. Wachstumsschmerzen, das ist bei Kindern im Längenwachstum nichts Ungewöhnliches. Aber der Schmerz an der linken Hand ist doch sehr stark. So stark, dass schliesslich vertieft nach der Ursache gesucht wird. Ein Röntgenbild und eine anschliessende Magnetresonanztomografie (MRT) bringen Klarheit: Nicht etwa die Wachstumsfugen sind es, sondern ein bösartiger Knochentumor, ein Osteosarkom.
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​Bösartige Knochen- und Weichteiltumore, sogenannte Sarkome, sind äusserst seltene Tumore, die vom Stütz- oder Bewegungsapparat ausgehen. Sie machen nur gerade 1-3% aller bösartigen Tumorerkrankungen aus und können in jedem Alter auftreten. Die Problematik von Sarkomen: Sie wachsen oft sehr aggressiv und verbreiten sich schnell im Körper. Entsprechend radikal muss daher operiert werden, sogar Amputationen sind manchmal auch heute noch notwendig. Insbesondere Weichteilsarkome werden aus diesem Grund vor der Operation lokal bestrahlt, um den Tumor zu verkleinern. Bei Knochensarkomen stellt sich regelmässig die Frage, ob der fehlende Knochen im Rahmen eines Extremitäten-erhaltenden Behandlungskonzepts ersetzt werden kann.

Bei Sara ist es klar: Der Unterarmknochen muss zu einem grossen Teil chirurgisch entfernt werden. Damit sie ihren Arm aber auch künftig wieder normal bewegen kann, braucht es einen Ersatz. «Die Speiche lässt sich gut durch ein Knochentransplantat vom Wadenbein ersetzen» erklärt Prof. Pietro Giovanoli, Plastischer Chirurg und Ärztlicher Co-Direktor am USZ. «Der Mensch benötigt dieses nicht unbedingt zum Gehen. Hingegen können wir im Arm nicht auf einen der beiden Unterarmknochen verzichten». Bei der Operation an Kindern kommt ein weiterer, ganz entscheidender Faktor hinzu: «Wir müssen dafür sorgen, dass wir einen Knochen mitsamt Wachstumsfuge einsetzen, damit das normale Längenwachstum weitergehen kann».

Die Behandlung von Sarkomen, seien dies Knochen- oder Weichteilsarkome, ist der spezialisierten und hochspezialisierten Medizin vorbehalten. Nicht ohne Grund: Für Diagnose und Therapie braucht es eine ganze Reihe von Fachdisziplinen, die über Spezialwissen zu diesen seltenen Erkrankungen verfügen, angefangen beim Pathologen, der eine möglichst genaue Spezifikation der Tumorzellen liefern muss bis zum nachbehandelnden Onkologen. Sogar die Operation selbst findet interdisziplinär statt: Für das Entfernen des Unterarmknochens sind die Orthopäden zuständig, das Einsetzen des präparierten Wadenbeins übernehmen die Plastischen Chirurgen. «Unsere Aufgabe ist es nicht nur, für ein ästhetisch ansprechendes Resultat zu sorgen», erklärt Pietro Giovanoli. «Viel wichtiger ist es, dass sämtliche Nerven, Sehnen und Gefässe richtig verknüpft werden, damit ein Arm oder Bein wieder möglichst voll funktionsfähig wird».

Sara ist inzwischen 18 Jahre alt. Im Boxtraining verausgabt sie sich, prügelt auf den Sandsack ein und versetzt ihm kräftige Kicks. War das nicht das Bein ohne Wadenbein? Ausser den feinen, langgezogenen Narben am linken Unterarm und an der Wade lässt heute nichts mehr auf ihren Leidensweg schliessen.


*die Patientin ist fiktiv, das Beispiel aber real



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