«Adipositas ist eine chronische Krankheit und kein gewählter Lebensstil»

Das Adipositas Zentrum Zürich (AZZ) am UniversitätsSpital Zürich veranstaltet ein Symposium für Betroffene. Prof. Marco Bueter, Klinischer Leiter Chirurgie am AZZ, über schwarze Schafe unter den Behandlern, das Informationsdefizit bei Patienten und Vorurteile über Adipositas.
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Herr Bueter, am 14. Februar findet am USZ ein Fachsymposium zu Adipositas statt, zu dem Sie ausdrücklich Patientinnen und Patienten einladen. Warum?

In meiner Tätigkeit als bariatrischer Chirurg und in vielen Gesprächen mit Patienten stelle ich immer wieder fest, wie wenig viele von ihnen nicht nur über ihre Erkrankung «Adipositas», sondern auch über die therapeutischen Möglichkeiten wissen. Ziel unseres Symposiums ist es daher, die Kompetenz der Betroffenen im Umgang mit ihrer Erkrankung zu verbessern. Dafür haben wir nationale und internationale Experten aus dem Bereich der Adipositastherapie eingeladen. In Vorträgen informieren sie über neueste Erkenntnisse und Entwicklungen auf dem Gebiet der Adipositasbehandlung.
Teilnehmende und Patienten sollen am Ende wissen, dass es sich bei Adipositas um eine chronische, lebensverkürzende, aber behandelbare Krankheit handelt, für die es viele verschiedene Ursachen gibt und die sicher nicht auf fehlende Willensstärke, Faulheit oder Charakterschwäche der Betroffenen zurückzuführen ist.

Am Symposium werden neue Ansätze auch kritisch besprochen. Heisst das, es gibt schwarze Schafe in der Branche?
Ja, es gibt solche «schwarzen Schafe» – die gibt es aber überall, nicht nur in der Medizin und schon gar nicht nur in der Adipositastherapie. Allerdings handelt es sich bei unseren Patienten um eine sehr vulnerable, also verletzliche Patientengruppe, die von einem sehr hohen Leidensdruck gekennzeichnet ist. Leider wird dies von einzelnen Kollegen ausgenutzt. Von Patienten wurde schon die Zahlung eines Extra-Honorars für die Durchführung einer bariatrischen Operation verlangt, ohne dass es dafür eine fachliche oder gesetzliche Legitimation gäbe. Auch werden immer wieder neue Verfahren als besonders erfolgreich, effektiv und schonend angepriesen, ohne dass dafür die entsprechenden wissenschaftlichen Nachweise existieren. Ich denke hier z.B. an neue endoskopische Verfahren, die ebenfalls Thema eines Vortrags sein werden. Für Patienten kann es hier sehr schwierig sein, die «guten» von den «schlechten» Angeboten zu unterscheiden. Deshalb halte ich es für extrem wichtig, unseren Patienten die dafür nötigen Informationen zu liefern und ihre Gesundheitskompetenz zu fördern.

Worunter leiden adipöse Patienten am meisten?
Ich denke, das Schlimmste für unsere Patienten ist das gesellschaftliche Stigma, mit dem sie sich immer wieder und jeden Tag aufs Neue auseinandersetzen müssen. Schliesslich haben die Betroffenen keine Möglichkeit, ihre Erkrankung zu verbergen. Jeder sieht, dass ein Mensch stark übergewichtig ist. Es bleibt häufig nur der Rückzug aus dem sozialem Umfeld in die Isolation, um hämischen Kommentaren und vielsagenden Blicken zu entkommen. In den Augen vieler gelten Patienten mit massivem Übergewicht nämlich immer noch als faul, dumm und disziplinlos. Und man glaubt ja gar nicht, wie viele Normalgewichtige den Impuls verspüren, diese Meinung den Betroffenen im Alltag lautstark und offen mitzuteilen. Dabei gibt es mittlerweile genügend wissenschaftliche Daten, die zeigen, dass diese Sicht komplett falsch ist. Mittlerweile wissen wir, dass es sich bei Adipositas um eine chronische Erkrankung mit vielen verschiedenen Ursachen handelt – und keineswegs um einen freiwillig gewählten Lebensstil. Schliesslich sucht sich niemand aus, krank zu sein!

Das Adipositas Zentrum Zürich beteiligt sich tatkräftig am Camino-Projekt. Worum geht es dabei?
Unsere Gesellschaft möchte oft nichts wissen von der schwierigen Situation, die das erhöhte Körpergewicht und die vielen Begleiterkrankungen auf die körperliche Gesundheit und Psyche der Patientinnen und Patienten mit sich bringen. Das Camino-Projekt möchte zeigen, dass es sehr wohl Patienten gibt, die trotz ihres Gewichtes und diverser Begleiterkrankungen bereit sind, dieser lebensbedrohenden Erkrankung mit Engagement und Aktivität zu begegnen. Wir wollen mit diesem Vorhaben ein starkes Zeichen gegen die Stigmatisierung von Adipositaspatienten setzen. Deshalb ist auch die gemeinsame Ankunft in Santiago de Compostela (Ziel aller Jakobswege) genau für den 18. Mai 2019, den European Obesity Day geplant. Die Teilnehmenden profitieren schon jetzt von diesem Projekt. Gemeinsame Unternehmungen, Fitnesstests und der Austausch in sozialen Netzwerken und bei persönlichen Begegnungen stärken das Gemeinschaftsgefühl und motivieren zu einer aktiveren und gesünderen Lebensweise.

Wie sieht der Beitrag des AZZ konkret aus?
Wir vom Adipositas Zentrum engagieren uns auf verschiedene Weise. Wir betreuen die Teilnehmenden aus der Schweiz medizinisch und werden auch während ihrer Wanderung auf dem Pilgerweg immer erreichbar sein. Yvonne Gallusser, eine der Leiterinnen der Adipositas Selbsthilfegruppe am USZ, und Faris Abu-Naaj, der Mitadministrator unserer Facebook-Seite «Adipositas Zürich», organisieren und begleiten die Reise.

Das Adipositas Zentrum Zürich besteht nun seit einem Jahr. Wie sieht Ihre Bilanz aus?
Sehr positiv. Mit den neuen Strukturen und der ohnehin bereits sehr guten interdisziplinären Zusammenarbeit innerhalb des USZ konnten wir bereits im ersten Jahr viele Prozesse vereinfachen und verkürzen. Das gilt ausdrücklich auch für unsere externen Partner und Zuweiser, ohne die ein gut funktionierender Service nicht möglich wäre.
Zum Beispiel treffen sich alle behandelnden Kollegen des Zentrums einmal pro Woche im Adipositasboard, wo schwierige Fälle miteinander diskutiert werden, um gemeinsam nach der besten Lösung für jeden einzelnen Patienten zu suchen. Dadurch sind die Kommunikationswege zwischen den beteiligten Kliniken und Ärzten kürzer, was schnelle Entscheidungen und effektivere Prozesse ermöglicht, die am Ende unseren Patienten zu Gute kommen. Denn das ist schliesslich das übergeordnete Ziel all unserer ärztlichen Bemühungen: Unseren Patientinnen und Patienten die beste Therapie mit dem bestmöglichen Ergebnis anzubieten.


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Prof. Dr. med. Marco Bueter ist Klinischer Leiter Chirurgie am Adipositas Zentrum Zürich des UniversitätsSpitals Zürich, das er zusammen mit PD Dr. med Philipp Gerber, Klinischer Leiter Endokrinologie, leitet. Das universitäre Zentrum bietet Patienten, die an starkem Übergewicht/Adipositas und damit zusammenhängenden Stoffwechselkrankheiten leiden, eine individuelle, umfassende und ganzheitliche Betreuung nach neuesten Erkenntnissen.

Adipositas Zentrum Zürich

Internationales Adipositassymposium – Zürich meets München                                                            

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