«Die HIV-Prophylaxe PrEP muss ärztlich begleitet werden»

PrEP ist eine Prophylaxe zum Schutz vor einer HIV-Infektion mit Medikamenten, die ursprünglich für die HIV-Therapie entwickelt wurden. In der Schweiz ist die Anwendung aktuell nicht zur Präexpositionsprophylaxe zugelassen. Besonders bei der Gruppe mit dem höchsten Risiko einer HIV Infektion, den homo- und bisexuellen Männern, wird die PrEP trotzdem zunehmend beliebter. Auf Grund der hohen Kosten des Originalpräparates besorgen sich die meisten Personen das Medikament deutlich günstiger im Ausland. Benjamin Hampel, Assistenzarzt an der Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene, zu den Risiken und Studienerkenntnissen.

​Benjamin Hampel. Das Medikament, das zur PrEP verwendet wird ist in der Schweiz nicht hierfür zugelassen, trotzdem wird es hier verschrieben. Wie geht das?

Diese sogenannte Off-Label-Anwendung ist in der Medizin keine Seltenheit. Es setzt voraus, dass der Arzt nach besten Wissen und der aktuellen Datenlage handelt und sich an bestehende Empfehlungen hält. Bei der PrEP kommt noch der hohe Preis des Originalpräparat – eine Kombination aus den beiden am besten untersuchten Wirkstoffen Teonfovir disoprxil fumarat und Emtrictiabin – erschwerend dazu. Viele Anwender behelfen sich dadurch, dass sie günstigere Generika aus dem Ausland beziehen. Dies ist für den Eigenbedarf in der Schweiz unter bestimmten Bedingungen legal. Da es sich um ein in der Schweiz verschreibungspflichtiges Medikament handelt, sollte man auch über ein Rezept verfügen. Viele seriöse Online-Anbieter verlangen dies mittlerweile bei Bestellungen aus der Schweiz. Die Einnahme von PrEP ist also legal, wird aber – da Prophylaxe – nicht von den Krankenkassen bezahlt.

Wo kann man das aus der Schweiz bestellen?

Es gibt Online-Anbieter in England, die im Rahmen einer Studie mit Hilfe von Bluttests belegen konnten, dass es sich um keine Fälschungen handelt und dass das Medikament auch wirklich im Blut ankommt. Wir können diese Studien mit den Klienten besprechen, aber natürlich keine Garantie für die im Internet bestellten Medikamente übernehmen. Die klinische Chemie des USZ bietet seit kurzem ebenfalls einen solchen Bluttest an. Dieser muss allerdings privat bezahlt werden.

Wie risikoreich ist das PrEP-Medikament?

In den durchgeführten Studien gab es wenige Nebenwirkungen, allerdings auch deshalb, weil die Teilnehmer alle drei Monate in ärztlicher Kontrolle waren und so schnell reagiert werden konnte. Das Hauptrisiko bei der PrEP sind Nierenschäden, vor allem, wenn noch andere Medikamente eingenommen werden oder ein bisher unbemerkter Nierenschaden vorbesteht. Längerfristig kann es auch zu einer Osteoporose kommen. Diese Nebenwirkungen sind zum Glück selten, machen aber in der Anfangszeit keine Symptome und können deshalb übersehen werden. Andere Nebenwirkungen sind noch seltener, das bedeutet jedoch, dass der Arzt der PrEP verschreibt, das Medikament gut kennen sollte. Neben klassischen Nebenwirkungen besteht bei der PrEP zudem ein Risiko, wenn man das Medikament nimmt und bereits mit HIV infiziert ist. Dann kann es zu einer Resistenzentwicklung bei den Viren kommen, da das Medikament keine vollständige HIV-Therapie darstellt. Dies würde dazu führen, dass der Patient bei der Therapie sehr viel mehr Medikamente zur Behandlung seiner HIV-Infektion einnehmen müsste. Das gilt es vor allem wegen den damit verbundenen Nebenwirkungen zu verhindern. Es muss zudem sichergestellt sein, dass der Patient keine chronische Hepatitis B Infektion hat, da dies beim Absetzen der PrEP zu schweren Komplikationen führen kann.

Deshalb empfehlen Sie die kontrollierte Einnahme?

Ja, entweder in unserer Spezialsprechstunde am USZ oder bei einem anderen PrEP-erfahrenen Arzt. Wenn man alle drei Monate zur Kontrolle geht, kann man bei auftretenden Nebenwirkungen reagieren. Diese sind dann in der Regel reversibel.

Wie sieht eine solche Sprechstunde aus?

Man vereinbart einen Termin über unseren Empfang oder unter prep_infektiologie@usz.ch. Wir haben am Donnerstagabend zudem Zeit, Termine ausserhalb der Arbeitszeit anzubieten. Bei der telefonischen Anmeldung können wir viele Fragen bereits telefonisch klären. Die meisten Leute sind aber bereits sehr gut informiert. In der Regel dauert eine solche Erstberatung – je nach Wissenstand des Patienten – rund 45 Minuten. Dabei werden Risiken und Nebenwirkungen besprochen, aber auch die unterschiedlichen Möglichkeiten der Einnahme. Die einen nehmen es dauerhaft ein, um jeden Tag geschützt zu sein, andere nur immer bspw. an den Wochenenden, wenn ungeschützten Sexualverkehr geplant ist. Zu dieser Art der Einnahme gibt es aber weniger Studiendaten und bei spontanen Dates funktioniert das nach meiner Erfahrung nur ganz schlecht. Neben den notwendigen Labortests suchen wir auch nach anderen sexuell übertragbaren Krankheiten und besprechen den Impfstatus.

Wie gut schützt PrEP?

Die Wirksamkeit hängt stark von der korrekten Einnahme der Medikamente ab. Werden diese täglich eingenommen, ist der Schutz wahrscheinlich mindestens vergleichbar mit Kondomen. Die Wirksamkeit sinkt, wenn die Medikamente nur unregelmässig eingenommen werden. Aber auch ein Kondom muss richtig angewendet werden, damit es nützen kann. Weltweit sind einzelne Fälle bekannt, bei denen es zu einer HIV-Ansteckung trotz korrekter Einnahme von PrEP kam. Das gleiche gilt aber ebenso für Kondome. Hundert Prozent gibt es in der Medizin leider nie.

Wer soll PrEP nehmen?

PrEP ist ein wirksamer Baustein mehr, den wir zum Schutz vor HIV haben. Die bereits bestehenden Möglichkeiten, vor allen Dingen Kondome bleiben nach wie vor aktuell. PrEP richtet sich an Menschen, die Probleme bei der konsequenten Anwendung von Kondomen haben und gleichzeitig ein erhöhtes Risiko für eine HIV-Infektion haben. Das betrifft in der Schweiz statistisch gesehen primär homo- und bisexuelle Männer mit wechselnden Sexualpartnern. Mit den bisherigen Safer-Sex-Strategien konnten nicht alle Menschen erreicht werden. Dies kann unterschiedliche Ursachen haben, wie eine Latexallergie oder Sex unter Einfluss von Alkohol oder Drogen. Statistisch gesehen ist auch Verliebt-Sein ein solches Risiko. In der Regel handelt es sich nicht um eine lebenslange Einnahme, sondern um einen Schutz für eine bestimmte Lebensphase, in der man besonders gefährdet ist. Nach meiner Erfahrung nimmt kein Mensch freiwillig ein Medikament, wenn er einen für sich einfacheren Weg sehen würde, ein zufriedenstellendes Sexualleben zu haben. In der Sprechstunde ist auch dafür Raum, sich zu unterhalten. Ein Teil der Personen entscheidet sich nach dem Gespräch gegen die PrEP und bleibt bei den Kondomen. Für andere Risikosituationen, bspw. im Gesundheitswesen, gibt es weiterhin die Möglichkeit der Postexpositionsprophylaxe durch die Einnahme von HIV-Medikamenten gleich nach einer möglichen Exposition.

Steigt die Nachfrage nach PrEP in der Schweiz?

Ja auf jeden Fall. Viele trauen sich aber nicht darüber zu sprechen, aus Angst, moralisch verurteilt zu werden. Ich höre in der Sprechstunde so einiges an wirklich schlechten Erfahrungen. Im schlimmsten Fall führt es dazu, dass jemand die PrEP ohne ärztliche Kontrolle einnimmt. Da müssen wir Ärzte und Gesundheitsexperten selbstkritisch fragen, ob wir nicht etwas bei uns selbst verbessern können.

Benjamin Hampel ist Assistenzarzt an der Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene des USZ und Leiter der «PrEP»-Sprechstunde am USZ.

 

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