Auch ältere Patienten mit bösartigem Hirntumor profitieren von Chemotherapie: Gentest hilft bei Therapieentscheidung

Klinische Studie zeigt erstmals Wirksamkeit von Temozolomid in dieser Altersgruppe/Gentest ermöglicht Entscheidung zwischen Chemotherapie und Bestrahlung

ältere Patienten über 65 Jahren, die an einem bösartigen Hirntumor (Gliom) leiden, profitieren von einer Chemotherapie mit dem Wirkstoff Temozolomid, ebenso wie jüngere Patienten mit dieser Erkrankung. Ob ältere Patienten auf die Therapie ansprechen, kann ein Gentest zeigen. Dies hat eine klinische Studie der Studiengruppe der Neuroonkologischen Arbeitsgemeinschaft (NOA) der Deutschen Krebsgesellschaft unter Leitung von Professor Dr. Wolfgang Wick, Universitätsklinikum Heidelberg, und Professor Dr. Michael Weller, UniversitätsSpital Zürich, ergeben. Die bislang grösste Studie zur Therapie von älteren Menschen mit bösartigen Hirntumoren ist online in der renommierten medizinischen Fachzeitschrift «Lancet Oncology» veröffentlicht.

Gliome sind besonders bösartige Tumoren. Nach Standardtherapie beträgt die überlebenszeit im Mittel nur etwa ein Jahr, kann aber im Einzelfall auch wesentlich höher liegen. Fast 50 Prozent der Patienten sind älter als 65 Jahre. In der Vergangenheit waren sie meist von klinischen Studien ausgeschlossen worden, da man sich wenig Erfolg von einer intensivierten Therapie versprach und schwere Nebenwirkungen befürchtete. ältere Patienten unterzogen sich deshalb nur einer Operation und Bestrahlung.

Chemotherapie ist gleichwertig mit Strahlentherapie

«Patienten über 65 Jahren haben heute oft keine zusätzlichen Erkrankungen, die gegen eine Chemotherapie sprechen würden», erklärt Professor Wick, ärztlicher Direktor der Abteilung Neuroonkologie am Universitätsklinikum Heidelberg. Deshalb wurde die NOA-08-Studie initiiert, die die Wirksamkeit der Chemotherapie bei älteren Menschen mit bestimmten Gliomen, dem Glioblastom und dem anaplastischen Astrozytom, untersucht und an der 23 deutsche und ein Schweizer Zentrum teilnahmen. Dabei wurde die Standardtherapie, die Entfernung des Tumors gefolgt von einer Strahlentherapie, mit einer Chemotherapie mit Temozolomid nach Operation verglichen.

Zusätzlich untersuchten die Wissenschaftler das Tumorgewebe auf eine spezifische genetische Veränderung im Tumorgewebe, die Methylierung des Gens eines Eiweisses namens O6-Methyl-Guanyl-Methyltransferase (MGMT), die anzeigt, ob ein Patient eher von der Strahlentherapie oder von der Chemotherapie mit Temozolomid profitiert.

«Die Ergebnisse der NOA-08-Studie zeigen, dass nach einer Operation die Chemotherapie mit Temozolomid der Strahlentherapie gleichwertig ist», erklärt Professor Weller, Direktor der Klinik für Neurologie am UniversitätsSpital Zürich. Durch die Studie ergebe sich damit eine neue Option für die Behandlung älterer Patienten mit malignen Gliomen, nämlich eine Chemotherapie mit Temozolomid unter Verzicht auf die Strahlentherapie.

Mit Hilfe des Gentests (Biomarker) kann Wirksamkeit der Chemotherapie vorhergesagt werden

Als noch wichtiger stufen die Wissenschaftler den Befund ein, dass anhand der MGMT-Genveränderung im Tumor das Ansprechen auf die Chemo- bzw. Radiotherapie vorhergesagt werden kann. MGMT führt zu einer besseren Wirksamkeit bestimmter Chemotherapien wie Temozolomid. Patienten mit einem inaktiven MGMT sollten deshalb in jedem Fall mit einer Chemotherapie behandelt werden, Patienten mit einem aktiven MGMT dagegen mit einer Strahlentherapie. «Damit haben wir auch für ältere Patienten einen Biomarker, mit dessen Hilfe wir Therapieentscheidungen treffen können», so Professor Wick.

Eine grosse internationale Studie untersucht derzeit, ob die Kombination aus Strahlen- und Chemotherapie mit Temozolomid die Behandlungsergebnisse wie bei jüngeren Patienten verbessert. Bis Ergebnisse vorliegen, so die Wissenschaftler, sollte die Untersuchung der Methylierung des MGMT-Promotors, d. h. der Resistenztest, für ältere Menschen das diagnostische Standardrepertoire ergänzen, damit durch den gezielten Einsatz von Strahlen- oder Chemotherapie die Therapieerfolge verbessert und unnötige Nebenwirkungen vermieden werden können.

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Weitere Informationen:

Für weitere Auskünfte steht Ihnen Prof. Dr. Michael Weller, Direktor der Klinik für Neurologie des UniversitätsSpitals Zürich, über die Telefonnummer +41 44 255 86 20 zur Verfügung.