Medienmitteilung

Universitätsspital Zürich arbeitet Vergangenheit auf

Administrativuntersuchung zu den Vorkommnissen an der Klinik für Herzchirurgie im Zeitraum von 2016 – 2020 weist schwerwiegende Mängel nach.

  • Hinweise auf die in den Jahren 2016 – 2020 auffällig überhöhte Mortalitätsrate an der Klinik für Herzchirurgie des Universitätsspitals Zürich (USZ) haben im August 2024 den Spitalrat veranlasst, eine Administrativuntersuchung durch eine unabhängige Untersuchungskommission einzuleiten. Während sich frühere externe Untersuchungen auf Teilaspekte beschränkten, hat der Spitalrat die Untersuchungskommission UK 16/20 beauftragt, die Vorkommnisse umfassend abzuklären.
  • Nun liegen die Ergebnisse dieser Untersuchung vor. Sie zeigen zahlreiche schwerwiegende Verfehlungen der seinerzeitigen Klinikleitung sowie der damaligen Spitaldirektion und des damaligen Spitalrats auf. Der Spitalrat hat entschieden, vollständige Transparenz zu den Ursachen dieser Verfehlungen zu schaffen und dazu den gesamten Untersuchungsbericht offenzulegen.
  • Die nach drei unabhängigen Berechnungsmethoden überprüfte Mortalität an der Klinik für Herzchirurgie unter der Leitung von Prof. Dr. Francesco Maisano (Oktober 2014 – Mai 2020) ergab auf der Basis von 4’500 Operationen eine statistisch ausgewiesene Übermortalität von 68 – 74 Todesfällen. Bei individuell nach medizinisch-wissenschaftlichen Kriterien überprüften 307 Todesfällen während der Amtszeit von Prof. Maisano wurden 11 als «nicht erwartbar» eingestuft. Beim überprüften Einsatz von innovativen Medizinprodukten (insbesondere Cardiobänder) wurde in 13 Fällen der Einsatz eines solchen Produktes als unangemessen beurteilt.
  • Spitalrat und Spitaldirektion sind tief betroffen von den Ergebnissen der Untersuchungen, welche ein inakzeptables Verhalten der seinerzeitigen Verantwortlichen zeigen. Sie bitten die Betroffenen und Angehörigen um Entschuldigung für das Leid, das sie durch die nun festgestellten Verfehlungen erfahren haben. Für ihre Unterstützung hat das USZ je eine spezielle Informations- und Beratungsstelle eingerichtet.
  • Die Ursachen für diese Vorfälle liegen im Wesentlichen in der überhasteten Ernennung des damaligen Leiters der Klinik für Herzchirurgie im Jahr 2015, an dessen fehlenden Führungskompetenzen und bestehenden Interessenskonflikten, aber auch an der ungenügenden Führung der Klinik für Herzchirurgie. Seitens der damaligen Spitaldirektion fehlte es an Führung und Aufsicht und der damalige Spitalrat unterschätzte die Tragweite und verfolgte die festgestellten Verfehlungen ungenügend.
  • Zur strafrechtlichen Beurteilung der festgestellten Verfehlungen und der entsprechenden Verantwortlichkeiten hat der Spitalrat entschieden, die 11 nicht erwartbaren Todesfälle sowie die 13 unangemessenen Einsätze von Medizinprodukten der Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich anzuzeigen bzw. zu melden. Er stellt ihr dazu die umfangreich dokumentierten Ergebnisse der Administrativuntersuchung zur Verfügung.
  • Die Aufarbeitung der Missstände, soweit sie schon durch frühere externe Untersuchungen erkannt worden sind, hat bereits 2020 begonnen. Die umgesetzten Korrektur- und Verbesserungsmassnahmen zeigten bereits unter der interimistischen Leitung der Klinik für Herzchirurgie durch Prof. Dr. Paul Vogt erste Erfolge. Seit Prof. Dr. Omer Dzemali 2022 die Führung der Klinik übernommen hat, entspricht deren Qualitätsniveau gemessen an der Mortalitätsrate wieder höchsten Ansprüchen.

Der Spitalrat als direktes Aufsichtsorgan des USZ beauftragte im August 2024 eine unabhängige Untersuchungskommission unter der Leitung von Alt-Bundesrichter Dr. Niklaus Oberholzer mit einer Administrativuntersuchung zur auffällig hohen Sterblichkeit und zu Führungsmängeln an der Klinik für Herzchirurgie während den Jahren 2016 – 2020. Die Empfehlungen vorangegangener externer Untersuchungen in den Jahren 2020/21, namentlich jene der Aufsichtskommission für Bildung und Gesundheit ABG des Kantonsrats sowie jene, welche die Gesundheitsdirektion zur Governance und Organisation des USZ in Auftrag gegeben hatte, führten zwar im Juni 2022 zu einer Revision des Universitätsspitalgesetzes, der Neuwahl des Präsidenten und von zwei Mitgliedern des Spitalrats und zu Korrektur- und Verbesserungsmassnahmen im personellen, strukturellen und operativen Bereich.

Der Spitalrat als Aufsichtsorgan kam jedoch im Sommer 2024 aufgrund von Medienberichten und Whistleblower-Meldungen zum Schluss, dass nur mit einer umfassenden Untersuchung der Anspruch der Öffentlichkeit auf vollständige Aufklärung der Vorgänge an der Klinik für Herzchirurgie und auf eine nachhaltige Beseitigung der festgestellten Schwächen und Fehler erfüllt werden kann.

Ein Bild von Mängeln und Verfehlungen

Die Ergebnisse der abgeschlossenen Arbeit der Untersuchungskommission, der namhafte unabhängige Experten angehörten und die auch die Befragung von 12 Schlüsselpersonen umfasste, liegen nun vor. Sie ergeben ein Bild von Mängeln und Verfehlungen an der Klinik für Herzchirurgie, aber auch in der Führung des USZ durch den Spitalrat und die Spitaldirektion im Untersuchungszeitraum 2016 – 2020.

Die Resultate der Untersuchung zeigen klar, dass sich die Aussagen der Spitaldirektion und des Spitalrats, wonach keine Patienten durch die Vorkommnisse zu Schaden gekommen sind, nicht aufrechterhalten lässt. Die Gesundheitsdirektion hatte zudem gemäss Untersuchungsbericht mehrfach die Frage nach der Patientensicherheit gestellt und auf die verschiedenen Missstände und Führungsmängel frühzeitig hingewiesen.

Die Vermutung einer erhöhten Mortalitätsrate während der Amtszeit von Prof. Francesco Maisano als Leiter der Klinik für Herzchirurgie, welche primär den Anlass zur Einleitung der Administrativuntersuchung gab, wurde durch drei von der Untersuchungskommission angewandte unabhängige wissenschaftliche Berechnungsmethoden erhärtet. Der Vergleich mit den andern Schweizer Universitätsspitälern, mit den Behandlungsergebnissen der Klinik für Herzchirurgie vor und nach dem Untersuchungszeitraum und mit einem anerkannten Instrument zur Risikobeurteilung von Herzoperationen (EuroSCORE II) ergab auf der Basis von 4’500 Operationen eine Übermortalität an der Klinik für Herzchirurgie des USZ im Untersuchungszeitraum von 2014 bis 2020 zwischen 68 und 74 Todesfällen.

Parallel zu dieser statistischen Untersuchung und Einordnung der Mortalitätsrate, welche international als Qualitätsindikator für die Behandlungsqualität gilt, untersuchte die Kommission alle 307 Todesfälle in der Zeit von 2016 – 2020 individuell nach medizinisch-wissenschaftlichen Kriterien. Gemäss dieser individuellen Analyse kam es in diesem Zeitraum zu 75 chirurgisch problematischen Eingriffen. Die Analyse dieser Eingriffe führte zu wissenschaftlich definierten 64 «eher nicht zu erwartenden» Todesfällen und zu 11 «nicht zu erwartenden» Todesfällen.

Im Untersuchungszeitraum wurden in der Klinik für Herzchirurgie zudem rund 1’550 technische Medizinprodukte am Herz eingesetzt, davon 59 neuartige, noch nicht validierte Produkte (darunter das Cardioband). Bei 13 dieser 59 Fälle beurteilte die Kommission den Einsatz als unangemessen – ein konventioneller chirurgischer Eingriff hätte für die Patientinnen und Patienten vermutlich zu besseren Ergebnissen geführt.

Resultat eines Führungs- und Systemversagens am USZ

Die Ursachen dieser aus medizinischer, organisatorischer und moralischer Sicht inakzeptablen Vorkommnisse sind vielfältig. Sie weisen auf ein eigentliches Führungs- und Systemversagen am Universitätsspital im untersuchten Zeitraum hin. Eine wesentliche Rolle spielte dabei die überhastete Direktberufung von Prof. Francesco Maisano, eines international angesehenen Herzchirurgen und Forschers im Bereich der minimalinvasiven Herzchirurgie.

Er wurde 2014 trotz fehlender akademischer Qualifikationen und ohne Erfahrung in der Führung einer Klinik für Herzchirurgie, aber auch ohne vollständige Überprüfung seiner zahlreichen Interessensbindungen und Nebenbeschäftigungen zum Leiter der Klinik für Herzchirurgie am USZ und Ordinarius für Herzchirurgie an der Universität Zürich gewählt. Seine mangelnden Fähigkeiten, den hohen Ansprüchen an die Führung einer Klinik für Herzchirurgie gerecht zu werden, führten zu einer generell ungenügenden Organisation der Klinik für Herzchirurgie, zu technischen und strategischen Defiziten der eingesetzten Operationsteams und zum nicht kompetenzgerechten Einsatz von einzelnen Mitgliedern der Operationsteams.

Mitverantwortung von damaliger Spitaldirektion und damaligem Spitalrat

Die Vorkommnisse an der Klinik für Herzchirurgie können nicht losgelöst von der Führungsverantwortung der damaligen Spitaldirektion und der Aufsichtspflicht des damaligen Spitalrats eingeordnet werden. So fehlten an der Klinik für Herzchirurgie ein Qualitätsmanagement und damit Informationen zur klinischen Qualität und zu den Risiken. Die alarmierenden Entwicklungen und Probleme in den Bereichen klinisches Risikomanagement und medizinische Dienstleistungsqualität wurden weder von der Spitaldirektion noch vom Spitalrat rechtzeitig erkannt und nicht genügend aktiv und konsequent verfolgt und korrigiert.

Die Interessensbindungen von Prof. Maisano, die sich aus seinen zahlreichen Beratungsverträgen und Beteiligungen in der Industrie ergaben und die wesentlich dazu beitrugen, dass er rund einen Drittel seiner Arbeitszeit nicht an der Klinik anwesend war, wurden nie abgeklärt.

Heutige Spitalführung bittet um Entschuldigung

Der heutige Spitalrat und die heutige Spitaldirektion haben mit grosser Betroffenheit den Bericht der Untersuchungskommission zur Kenntnis genommen. Sie bitten die Betroffenen und Angehörigen aufrichtig um Entschuldigung für das Leid, das sie durch die nun festgestellten Verfehlungen erfahren haben.

Massnahmen zur Information der Direktbetroffenen durch die Spitaldirektion laufen bereits. Für deren Unterstützung hat das USZ je eine spezielle Informations- und Beratungsstelle eingerichtet, die entsprechende Nummer ist auf der Website des USZ aufgeführt. Die Beratungsstelle wird über einen Beirat verfügen, dem sowohl Fachexperten als auch Vertreter von Patientenorganisationen angehören, und der die Leitung in der Betreuung der Fälle unterstützt.

Spitalrat veranlasst strafrechtliche Überprüfung der Vorkommnisse

Der Spitalrat dankt der Untersuchungskommission für die umfassende und kompetente Klärung der Vorfälle an der Klinik für Herzchirurgie. Eine Administrativuntersuchung lässt allerdings keine Feststellung von individuellen Verantwortlichkeiten und Ereignissen von strafrechtlicher Relevanz zu. Der Spitalrat hat deshalb gestützt auf eine entsprechende Empfehlung der Untersuchungskommission entschieden, die 11 von der Kommission festgestellten aussergewöhnlichen Todesfälle sowie die 13 Fälle von unangemessenen Einsätzen von Medizinprodukten der Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich zu melden, damit von Amtes wegen geprüft wird, ob die Voraussetzungen zur Eröffnung von Strafverfahren gegeben sind.

Aufgrund ihrer beschränkten Ermittlungskompetenzen konnte die Untersuchungskommission nicht abklären, ob wirtschaftliche Interessen beim Entscheid über den Einsatz von Medizinprodukten eine Rolle gespielt haben. Auch dies soll im Rahmen der Strafuntersuchung geklärt werden. Zusammen mit den Anzeigen wurden der Staatsanwaltschaft die umfangreich dokumentierten Ergebnisse der Administrativuntersuchung zur Verfügung gestellt.

Klinik für Herzchirurgie geniesst heute wieder einen sehr guten Ruf

Die Verhältnisse an der Klinik für Herzchirurgie des USZ entsprechen heute sowohl aus medizinischer wie aus organisatorischer Sicht wieder den hohen Erwartungen und Anforderungen an ein international renommiertes Herzzentrum. Die Mortalitätsrate an der Klinik liegt heute wieder im unauffälligen Bereich. Diese erfreuliche Entwicklung ist einerseits auf die rasche Umsetzung der weit über 100 Massnahmen zurückzuführen, welche in den Berichten der verschiedenen Audits und externen Untersuchungen in den Jahren 2020/2021 als auch durch die ABG des Kantonsrats empfohlen wurden. Andererseits wurde die personelle Besetzung der Klinik für Herzchirurgie erneuert. Zu dieser Erneuerung haben zunächst der am 1. Juli 2020 als interimistische Nachfolger von Prof. Francesco Maisano eingesetzte Prof. Dr. Paul Vogt und sein Stellvertreter Prof. Dr. Thierry Carrel wesentlich beigetragen. Unter der heutigen Leitung von Prof. Dr. Omer Dzemali hat sich die Klinik für Herzchirurgie wieder einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet. Dies bestätigt auch der soeben erschienene, ISO-zertifizierte jährliche Qualitätsbericht der Allianz Herzchirurgie Zürich – St. Gallen, der das USZ, das Stadtspital Zürich Triemli und das Kantonsspital St. Gallen angehören.

Die Untersuchungskommission bestätigt in ihrem Bericht, dass der heutige Spitalrat und die heutige Spitaldirektion die Empfehlungen der erwähnten früheren Untersuchungen «sehr ernst genommen und auch weitgehend umgesetzt» haben. Nachdem dies erreicht ist, haben sich die drei Mitglieder des Spitalrats, welche dem Gremium bereits während der untersuchten Zeitperiode angehörten, gemeinsam entschieden, ihre Mandate niederzulegen. Sie bedauern ausdrücklich, dass Patienten zu Schaden kamen. Mit ihrem Rücktritt ermöglichen sie im Interesse des USZ, für das sie sich immer mit hohem Engagement eingesetzt haben, einen personellen Schnitt mit der Vergangenheit. Der Spitalrat spricht ihnen dafür seinen Respekt und seinen Dank aus.

Strukturelle und kulturelle Neuausrichtung des USZ

Die seit Juni 2023 unter der Führung von CEO Dr. Monika Jänicke stehende Spitaldirektion hat zusammen mit dem Spitalrat eine strategische Neuausrichtung des USZ beschlossen und dazu eine tiefgreifende Transformation des USZ eingeleitet. Diese berücksichtigt die veränderten Erwartungen der Patienten, der Mitarbeitenden und Talente an ein führendes Universitätsspital, aber auch die Lehren der Vergangenheit. Dies namentlich durch Massnahmen im Bereich der Stärkung der Compliance, der Transparenz und des auch von der Untersuchungskommission unterstützten Kulturwandels am USZ.

Die konsequente Neuausrichtung der Versorgung der Patienten, die Neuregelung der Ärztlichen Direktion, verbindliche Weisungen zum Vorgehen bei experimentellen Therapien (u.a. Einsatz von Medizinprodukten), die Einführung von strikteren Compliance-Richtlinien zur Regelung von Interessensbindungen und Nebenbeschäftigungen sowie die Einführung eines Interessenbindungs- und Transparenzregisters, dem sich auch bisherige Mitarbeitende unterziehen müssen, gehören zu Pfeilern dieses Kulturwandels. Ebenfalls dazu gehört die geplante Speak-Up-Kontaktstelle, die das Melden von möglichen Missständen ohne Gefährdung der eigenen Anstellung oder Position erleichtern soll. Darüber hinaus wird derzeit eine neue Qualitätsstrategie umgesetzt, die durch ein interdisziplinäres Team erarbeitet wurde und mit der eine gemeinsame Qualitätslogik durchgesetzt werden soll.

Die angestrebte Neuausrichtung des Universitätsspitals wird weiterhin viel Zeit brauchen. Aber das wieder hergestellte Vertrauen in die Qualität der Klinik für Herzchirurgie zeigt, dass die eingeleiteten Veränderungen eine messbar positive Wirkung haben. Dies bestätigt auch der soeben erschienene, ISO-zertifizierte jährliche Qualitätsbericht der «Herzallianz», der das USZ, das Stadtspital Zürich Triemli und das Kantonsspital St. Gallen angehören. Mit dem erstmals seit sechs Jahren positiven Jahresabschluss 2025 und den steigenden Reserven steht das USZ auch wirtschaftlich wieder auf einer soliden Basis. Mit der Vielzahl bereits umgesetzter oder eingeleiteter Massnahmen und den erreichten Zwischenzielen bestehen wieder sehr gute Voraussetzungen für ein nachhaltig erfolgreiches USZ im Dienst einer auf das Patientenwohl und die Forschung ausgerichteten, hoch anerkannten medizinischen Institution.