Paul Bleuler blickt in die Kamera

Erfahrungsbericht

«Die Spenderlunge fühlt sich an wie ein Teil von mir»

An einem 22. um 22 Uhr klingelte bei Paul Bleuler das Telefon – es war ein Anruf, der von ihm sehnlichst erwartet wurde und sein Leben veränderte: «Guten Abend Herr Bleuler, wir haben ein Organ für Sie. Sind Sie bereit?» 45 Minuten später holte der Fahrdienst des USZ den 62-jährigen Patienten zuhause ab. Nur ein paar Stunden darauf erhielt er im Universitätsspital Zürich eine Spenderlunge.

Während der Fahrt ging mir erstaunlich wenig durch den Kopf. Ich konnte gar nicht verarbeiten, was gerade passiert – dass mein Leben bald ein anderes sein sollte. Fünf Jahre lang hat mir meine unheilbare Krankheit Lungenfibrose zu schaffen gemacht. Anfangs kam ich einfach schnell aus der Puste, später kaum mehr eine Treppe hinauf. Es folgten Therapien mit Medikamenten und Sauerstoffgeräten. Doch irgendwann reichten diese nicht mehr aus. Beim Sprechen fehlte mir nach fünf Sätzen die Luft. In manchen Momenten hatte ich solche Atemnot, dass ich das Gefühl hatte, zu ersticken. Das war sehr unangenehm für mich und mein Umfeld. Die Situation war so ernst, dass mich die Ärztinnen und Ärzte des USZ auf die Transplantationsliste von Swisstransplant setzten.

Wettlauf gegen die Zeit

Sie sagten mir, dass meine Lebenserwartung noch 1 bis 1,5 Jahre betrage – ungefähr so lange wie die durchschnittliche Wartezeit auf eine Spenderlunge. Ich hatte Glück: Das passende Organ kam zur rechten Zeit. Schon zehn Wochen nach der Listung wurde eine Lunge gefunden. Als das Telefon klingelte, musste ich mich setzen. Eigentlich bin ich ein sehr pragmatischer und rationaler Mensch. Aber in diesem Moment war ich überfordert. Ich wusste nur noch eines: Ich muss diese Chance packen.

Im USZ angekommen, wurde ich gründlich untersucht und auf die mögliche Operation vorbereitet – ‚möglich‘, weil erst noch geprüft werden musste, ob die gespendete Lunge wirklich passt.

«Wir beide packen das – zusammen»

Am nächsten Morgen um acht Uhr stand fest: Die Transplantation findet statt. Die Stunden bis zur Narkose waren die eindrücklichsten für mich. Jetzt wurde mir bewusst: In ein paar Stunden erwache ich im besten Fall mit einer ’neuen‘ Lunge. Angst hatte ich nicht, aber grossen Respekt. Gleichzeitig vertraute ich den Ärztinnen und Ärzten des USZ vollkommen – sie hatten mich stets über alles informiert und bestens vorbereitet.

Die Operation dauerte ungefähr acht Stunden. Auf der Intensivstation erwachte ich mit einem starken Husten, aber praktisch schmerzfrei dank der gut eingestellten Medikamente. Ich lebte – mit einem ‘neuen’ Organ. Die Spenderlunge gehörte von Anfang an zu mir. Wir packen das – zusammen, habe ich zu ihr gesagt. Natürlich habe ich auch oft darüber nachgedacht, wer mir dieses Organ gespendet hat. Ich bin diesem verstorbenen Menschen und seiner Familie unendlich dankbar. So etwas zu tun, ist ein gewaltiger Schritt und zutiefst bewundernswert.

Bereits nach drei Tagen konnte ich die Intensivstation verlassen und verbrachte danach noch drei Wochen auf der Bettenstation. Anfangs fiel mir das Atmen schwer und ich musste Geduld haben. Das Pflegepersonal des USZ bekommt von mir Bestnoten – ein sensationelles Team, das sich durch nichts aus der Ruhe bringen liess.

Zweites Leben mit Einschränkungen

Noch immer kann ich nicht fassen, dass ich mit einer kranken Lunge ins USZ rein- und einer gesunden rauslief. Spitzenmedizin, die mich beeindruckt. Das erste Jahr nach der Transplantation brachte aber auch Rückschläge: Ich erlitt zwei Lungenembolien. Eine gefährliche Komplikation, die aber bei Lungentransplantierten nicht ungewöhnlich ist. Zum Glück hat mein Körper die Lunge nicht abgestossen und ich erhielt im USZ die richtige Behandlung.

Wenn ich gewisse Regeln einhalte, kann ich die Risiken niedrig halten: kein rohes Fleisch, häufiges Desinfizieren der Hände, kein Hallenbad und in der Erkältungszeit auch mal eine Maske tragen. Meine Familie hilft mir dabei und ist mir eine grosse Stütze. Dafür bin ich unglaublich dankbar. Wie lange ich mit der Spenderlunge leben kann, ist schwierig vorauszusehen. Weitere fünf Jahre peile ich an. Wieder richtig atmen zu können, ist ein Geschenk – und ich wertschätze jeden Tag, an dem dies möglich ist.

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