Der Infektiologe und HIV-Pionier Huldrych Günthard blickt nach 36 Jahren in der Forschung und Jahrzehnten als Arzt am USZ zurück auf Forschungserfolge, Medienhype und darauf, was es noch zu tun gibt.
Huldrych Günthard, du überblickst mehr als dreissig Jahre Forschung und Behandlung zu HIV. Welches sind die wichtigsten Fortschritte in dieser Zeit?
In den 36 Jahren, in denen ich seit meinem Staatsexamen Medizin machte, wurden wirksame antiretrovirale Substanzen entwickelt, die es den Menschen, die mit HIV leben, heute erlauben, praktisch gleich alt zu werden, wie Menschen die nicht HIV-infiziert sind. So konnte eine Erkrankung, die ohne Behandlung fast immer tödlich verlief, in eine chronische, behandelbare Infektion überführt werden. Eine weitere Errungenschaft der Therapien ist, dass damit behandelte Menschen, bei denen keine Viren im Blut nachweisbar sind, nicht infektiös sind und somit das HI-Virus nicht weitergeben können.
Wo siehst du noch einen infektiologischen Erfolg?
Der Erreger der non-A/non-B Hepatitis wurde identifiziert: das Hepatitis-C-Virus. Diese Infektion können wir mittlerweile fast in allen Fällen heilen. Das heisst, betroffene Menschen sterben nicht mehr an Leberfibrose bzw. Leberversagen und brauchen keine Lebertransplantationen mehr. Das gilt gleichermassen für Menschen, die mit HIV Leben und gleichzeitig mit Hepatitis C infiziert sind.
Dein Forschungsschwerpunkt war seit deinem Studium HIV/AIDS. Was hat dich daran als Forscher interessiert und als junger Arzt motiviert, das zu deinem Thema zu machen?
Als ich in den 1980er Jahren studierte, hat man AIDS als neue Krankheit kennengelernt und in allen Ländern der Welt hat sich HIV, das Virus, das das erworbene Immunschwäche Syndrom (AIDS) auslöst, verbreitet. In Zürich waren v.a. sehr viele junge Menschen betroffen die sich intravenös Drogen, die meisten Heroin, verabreichten, und schwule Männer. Rasch traten aber auch Fälle in der heterosexuellen Bevölkerung auf. Kurzum: alle Bevölkerungsgruppen waren zunehmend betroffen. Auch Hepatitis B und C breiteten sich massiv aus bei Drogenabhängigen.
Das Elend auf dem Platzspitz war unübersehbar und die Angst in der Bevölkerung stieg rasant. Ich wollte eine medizinische Dissertation in einem Gebiet machen, das ich als relevant und spannend erachtete. Und was ist spannender als eine neue Infektionskrankheit, gegen die es noch keine Behandlung gibt? Ich durfte dann eine Dissertation machen bei Prof. Ruedi Lüthi, methodisch unterstützt von Prof. Bruno Ledergerber. Meine Dissertation war eine der ersten wenn nicht die erste wissenschaftliche Arbeit mit Daten der Schweizerischen HIV-Kohortenstudie (SHCS). Ich konnte dann auch noch eine klinische Studie (Phase I/II) betreuen als Forschungsassistenzarzt und kam dadurch sehr nahe an die Laborforschung und so auch näher and die „Biologie“ des HI-Virus.
Und was hat dich über Jahrzehnte an diesem Thema gehalten?
Das HI-Virus ist extrem fasizinierend: Es integriert sein Genom in die menschliche DNA, befällt verschiedene Zelltypen und Organe, verändert sich extrem stark durch massive Replikation ohne Therapie und zerstört über die Zeit das zelluläre Immunsystem. Zusätzlich ist die Verbreitung enorm abhängig von menschlichem Verhalten; es wird sexuell übertragen, durch Blut, zu Anfang auch über kontaminierte Blutprodukte, häufig durch Spritzentausch, aber auch durch Mutter-Kind-Übertragung bei der Geburt oder über die Muttermilch.
Am Anfang war die Situation so traurig. In einem Jahr Sprechstunde als Assistenzarzt starben 30 junge Menschen, die ich zu betreuen versuchte. Obwohl ich alles gab, starben sie. Das war hart zu verarbeiten und ich realisierte, dass die Forschung mir half, über das medizinische Versagen teilweise hinwegzukommen, da ich zumindest das Gefühl hatte, damit im Kleinen vielleicht etwas Sinnvolles tun zu können. Was mich auch faszinierte war, die Menschen mit HIV betreuen zu dürfen und gleichzeitig die Biologie des Virus verstehen zu lernen.
Du hast die Swiss HIV Cohort Study (SHCS) schon erwähnt. Sie begann 1988 und ist eine der grössten und am längsten laufenden longitudinalen Studien zu HIV und die grösste und am längsten dauernde Kohortenstudie in der Schweiz. Du kamst schon 1991 als Assistenzarzt dazu. Welche Bedeutung hat die SHCS für die Forschung zu HIV und für Menschen mit HIV?
Die SHCS erlaubt es uns, kontinuierlich zu beobachten, wie es den Menschen mit HIV über die Zeit geht. Am Anfang haben wir uns v.a. mit opportunistischen Infektionen beschäftigt, die in einem Ausmass auftraten, wie man das noch nie gesehen hatte. Diese an sich harmlosen Infektionen lösen bei immungeschwächten Patientinnen und Patienten schwere und oft lebensbedrohliche Infektionen aus. Man lernte, diese optimal zu behandeln und das trug zu einer gewissen Lebensverlängerung von AIDS-Patienten bei. Dieses Wissen konnte später vollumfänglich verwendet werden für z.B. opportunistische Erkrankungen, die bei Menschen mit Organtransplantationen auftreten, oder auch bei Chemotherapien und immunmodulatorischen Therapien. Diese früher nur mal sporadisch auftretenden Erkrankungen wurden im Rahmen der AIDS-Epidemie erstmals systematisch mit qualitativ hochstehenden klinischen Studien untersucht.
Als die antiretroviralen Therapien kamen, konnten wir deren Effekt auf die Sterblichkeit, das Auftreten bzw. verzögerte Auftreten von opportunistischen Infektionen studieren und extrem wichtig: die Toxizität, Nebenwirkungen und die Resistenzentwicklung konnten ebenfalls untersucht werden. Als die antiretroviralen Therapien ab etwa 1996 wirklich sehr wirksam wurden und die Leute nicht mehr an HIV bzw. AIDS starben, verlagerten sich die Studien innerhalb der SHCS mehr auch auf Komorbiditäten und Co-Infektionen wie kardiovaskuläre Erkrankungen, Hepatitis B und C und andere sexuell übertragbare Erkrankungen.
Wie werden die Informationen und Daten der SHCS auch über die HIV-Forschung hinaus genutzt?
Die SHCS hat eine enorme Biobank mit über zwei Mio. Plasma- und Zellproben. Dank dieser können wir unglaubliche grundlagenwissenschaftliche Studien durchführen, z.B. zum Effekt vom humanen bzw. viralen Genom auf den Krankheitsverlauf, aber auch immunologische Studien, z.B. dazu, wie und warum breit neutralisierende Antikörper gegen HIV nur bei einem Teil der Infizierten gebildet werden. Wir können B-Zellen isolieren und Antikörper klonieren. Dieses Wissen ist essenziell für die Entwicklung einer Impfung, die wahrscheinlich nötig sein wird, um HIV wirklich einmal zu eliminieren.
Die SHCS ist auch ein Modell dafür, wie man andere chronische Infektionen oder Krankheiten studieren kann. So wurde die Schweizerische Transplantationskohortenstudie stark an die SHCS angelehnt, auch die Schweizerische Hepatitis-C-Kohortenstudie und andere Kohortenstudien konnten stark von der Pionierarbeit der SHCS profitieren. Vieles, was man heute unter personalisierter Medizin versteht, haben wir in der SHCS schon lange praktiziert, bevor dieser Begriff dafür aufkam.
Ein Grossteil der Menschen mit HIV in der Schweiz sind bei der SHCS dabei und stellen ihre Daten zur Verfügung. Ziehen sie auch einen persönlichen Nutzen daraus?
Die Menschen mit HIV können mit ihrer Teilnahme direkt beitragen, dass ihre Behandlung im Verlauf verbessert wird. Die Proben, die in der Biobank sind, können ihnen z.T. auch direkt helfen, da wir sie auch für gewisse individuelle Untersuchungen wie z.B. retrospektive Resistenztests verwenden können. Das macht die Teilnahme über ihre generelle Bereitschaft hinaus nützlich für sie und sie erhalten so auch etwas zurück.
Was sind die Highlights in deines Berufslebens?
Das Schönste an meiner Karriere war, dass ich Teil sein durfte eines extremen Lernprozesses von einer zuerst unbekannten, tödlich verlaufenden Krankheit bis zu ihrer Kontrollierbarkeit. Für mich extrem befriedigend war die Zusammenarbeit zwischen Patientinnen und Patienten, Ärztinnen und Ärzten, und Forschenden verschiedener Gebiete, etwa der Virologie, Immunologie und Epidemiologie bis zu Experten in Computational Biology und Mathematik, mit denen ich für das Modelling in Studien zusammenarbeitete. Wir haben es wirklich geschafft auf dem Platz Zürich mit dem Institut für Medizinische Virologie der UZH, der ETHZ und unserem HIV-Forschungslabor und der Klinik für Infektionskrankheiten und Spitalhygiene am USZ ein super Team aufzubauen, das es uns ermöglicht hat, Medizin und Forschung auf top Niveau zu betreiben.
Welche Hürden und Enttäuschungen gab es, die du lieber nicht gehabt hättest? Konntest ihnen auch etwas Positives abgewinnen?
Forschung ist brutal hart. Von der Idee bis zur Umsetzung derselben können Jahre vergehen und manchmal schafft man es einfach nicht, nur weil man das Geld dafür nicht zusammenbekommt. Man muss „Langstreckenläufer“ sein mit enormem Durchhaltevermögen, sonst geht man kläglich unter. Ich glaubte auch lange nicht, dass ich mich in der Forschungswelt behaupten könne, denn die weltweite Konkurrenz ist massiv. Es wartet niemand auf einen und man muss diese Konkurrenz aushalten und auch akzeptieren können, dass man halt oft Zweiter oder Dritter wird. Aber bei jedem Projekt wird man selber besser, bekommt ein tieferes Verständnis der Biologie und kann sein Wissen dann wieder weitergeben an die nächste Generation.
Über die Jahre gab es mehrere Endemien, Epidemien und Pandemien, also Krankheitsausbrüche in verschiedenem Ausmass. Wie blickst du auf diese Wellen zurück?
Nun, die Schweinegrippe sorgte für viel Aufhebens, war dann aber am Ende nicht wirklich problematisch, da dieses Influenzavirus sich nicht anders auswirkte als sonstige. Die Vogelgrippe ist immer unheimlich, denn wenn es zu rekombinanten Viren käme, die auch den Menschen befallen könnten – was die „normale“ Vogelgrippe nur sehr, sehr schwer kann – könnte es wieder zu Zuständen komfemen, die mit der verheerenden Epidemie der Spanischen Grippe von 1918-1920 vergleichbar wären. Ebola ist ein sehr gefährliches Virus, aber glücklicherweise viel schwieriger zu übertragen als z.B. SARS-CoV-2 oder Influenza. M-Pox zeigt uns wieder mal klar, welchen Einfluss unser Verhalten auf die Übertragung gewisser Viren hat. Ich denke aber, dass wir das im Griff haben werden.
Die COVID-19-Pandemie ist für die meisten am präsentesten, weil die Krankheit sich eben weltweit ausbreitete. Wie ordnest du sie ein und was können wir daraus lernen?
COVID-19 war neu, verbreitete sich rasend schnell und zeigte uns, was die Wissenschaft kann, wenn sie zusammenhält. Das machte die Entwicklung von diagnostischer Tests und der mRNA-Impfungen und die Entwicklung von Medikamenten in Windeseile möglich. Auch die Isolationsmassnahmen die breitangewendet hervorragend wirkten, um die Verbreitung zu hemmen, sind ein Ergebnis von Forschung.
Wir lernten ein neues Krankheitsbild von Grund auf kennen, das sich aber über wenige Jahre von einer in Risikogruppen auch tödlich verlaufenden Krankheit zu einer «fast normalen» respiratorischen Infektion veränderte. SARS-CoV-2 zeigte uns klar, dass wir auch wenn wir noch so viel vorhersagen möchten, nie wissen, wo die nächste Gefahr bezüglich Infektionskrankheiten genau lauert. COVID-19 hat uns auch klar gezeigt, dass viele Menschen die Wissenschaft und evidenzbasiertes Handeln ablehnen. Wir müssen vermehrt daran arbeiten, auch Fehler oder Fehleinschätzungen zuzugeben, die logischerweise in einer solchen Situation entstehen, weil z.B. noch Vieles nicht bekannt ist.
Du warst in der COVID-19-Pandemie in Dutzenden Medienbeiträgen präsent und hast viel erklärt und eingeordnet. Wie war das für dich?
Ich bin da natürlich überraschend reingeraten. Ich bekam viel positives Feedback und viele sagten, ich könne die Zusammenhänge gut rüberbringen und hätte eine klare Meinung. Die Herausforderung war, dass die Situationen ständig änderten und was gestern noch galt, heute nicht mehr galt. Das war eine riesige Herausforderung. Ich fand, die Medien machten grossteils eine sehr gute Arbeit. Manchmal spielten sie natürlich auch die einen „Experten“ gegen die anderen „Experten“ aus. Bei mir war sicher ein überzeugender Vorteil, dass ich die Krankheit von Anfang an am Krankenbett gesehen hatte, dass wir dank meiner internationale Verbindungen aus der HIV-Forschung ganz früh an internationalen Studien teilnehmen konnten und eigene Studien aufbauten zusammen mit dem Institut für Medizinische Virologie der UZH sowie der Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie und den Instituten für Intensivmedizin und Notfallmedizin am USZ. Kurz und gut: Ich wusste, von was ich sprach, nicht wie gewisse Experten, die Spitäler nur von aussen sahen und auch die Krankheit nicht wirklich verstanden.
Was hättest du als Forscher gerne entdeckt? Und warum?
Eine Impfung gegen HIV und die Zerstörung des latenten HIV-Reservoirs. So hätte man HIV vollständig im Griff.
Wenn du einen infektiologischen Wunsch frei hättest, welcher wäre das?
Ich hätte sogar zwei. Mehr neue Antibiotika, die gegen multiresistente Keime wirken. Und dass sich die Menschen impfen lassen.
Was sind die wichtigsten und drängendsten „to do“ in deinem Bereich?
Die Forschung am Leben erhalten, Nachwuchs ausbilden, die Leidenschaft an der Forschung fördern, eine forschungsfreundliche Umgebung schaffen, die es erlaubt, den Dingen auf den Grund zu gehen: zu gestalten nicht nur zu verwalten.
Worauf freust du dich?
Mehr Freiheit, keine Wochenend- und Nachtdienste mehr. Mehr Sport und Lesen und mehr Zeit für Familie und Freunde.