Angst vor dem Unplanbaren und vor Kontrollverlust hinderte Sara F. am Essen und führte sie in eine lebensbedrohliche Magersucht. Ein langer Weg führte sie zurück in ein gesundes Leben.
Als es mir sehr schlecht ging, wog ich noch 36 Kilogramm. Die Ärzte sagten mir, ich könnte sterben, weil meine Leber immer schlechter funktioniere. Ich habe das verstanden, aber es hat nichts in mir ausgelöst. Ich fühlte gar nichts mehr.
Angefangen hat es im Frühjahr 2016, in der 9. Klasse. Es kam gerade viel zusammen: Die Schulzeit ging zu Ende. Der Lehrvertrag war unterschrieben. Meine Grossmutter starb. Es war so eine diffuse Zeit des Übergangs, nichts fühlte sich sicher an und vieles war vage und unvorhersehbar. Gleichzeitig empfand ich, dass der Körper und das Aussehen in der Schule und im Freundeskreis mehr und mehr zu einem wichtigen Thema wurden. «Gut» und «richtig» sein wurde über den Körper definiert. Ich war unsicher, fühlte mich nie gut genug. Ich war immer sportlich gewesen und beschloss, halt etwas mehr aufs Essen zu schauen und mehr Sport zu treiben.
Ich wollte gar nicht, dass sich alles nur ums Essen dreht
Beim Essen hatte ich die Kontrolle, die ich sonst über mein Leben vermisste. Ich fing an, weniger zu essen und dabei auf eine gesunde Ernährung zu achten; damit machte ich ja etwas richtig. Sehr rasch glitt ich aber ab in eine Anorexie, eine Magersucht. Meiner Familie und Freunden fiel natürlich auf, dass ich sehr schnell Gewicht verlor. Mir war auch selber bald bewusst, dass etwas nicht mit mir stimmte, dass ich kein normales Verhältnis mehr zum Essen hatte. Alles drehte sich bei mir nur um das Essen. Ich wollte nicht, dass das so wichtig ist, ich konnte aber gar nicht mehr anders. Meine Mutter verstand mich, aber sie war auch machtlos. Ich erinnere mich daran, dass wir zusammen am Tisch sassen und beide weinten, weil ich nichts essen konnte.
Ich wollte Hilfe, war aber nicht bereit dafür
Zuerst war ich beim Hausarzt. Ich fühlte mich von ihm nicht ernst genommen, ich versuchte dennoch alles, was er empfahl. Es klappte aber nichts. Aber warum? Ich musste und ich wollte doch etwas machen! 2018 machte ich aus eigenem Entscheid einen ersten Klinikaufenthalt. Daran schlossen sich mehrere Klinikaufenthalte an verschiedenen Orten an. Mein Arbeitgeber unterstützte mich die ganze Zeit, so konnte ich etwa für den ersten Klinikaufenthalt mit der Lehre pausieren. Das finde ich heute noch grossartig und bin ihm sehr dankbar dafür.
Einen Durchbruch gab es durch die Klinikaufenthalte nicht. Heute weiss ich auch, warum. Ich wollte Hilfe, aber ich war nicht dafür bereit. Jeder Klinikaufenthalt hat zwar etwas gebracht, es gab auch Erfolgsmomente und Phasen, in denen es mir besser ging. Aber ich wartete unbewusst über Jahre auf den «richtigen» Moment. Ich wollte auch den planen und kontrollieren, wollte genau wissen, was mir helfen wird. Aber das funktioniert nicht. Der richtige Moment anzufangen, ist einfach: jetzt.
Ich war krank, nicht willensschwach
Der vierte Aufenthalt im ZES, dem Zentrum für Essstörungen am Universitätsspital Zürich, war meine letzte Chance dort. Die Therapeutin und mein Programm – es hakte ein und passte. Es dauerte trotzdem lange, bis ich akzeptieren konnte, dass ich eine psychische Krankheit habe und ich deshalb keine Kontrolle hatte und mich keine Schuld trifft. Ich war nicht willensschwach. Ich hatte einfach Angst. Angst vor den Veränderungen, vor dem Erwachsenwerden, vor dem Leben, vor allem, was ich nicht kontrollieren konnte und mich zu überfordern drohte. Ich bekam am ZES Schranken aufgezeigt und gleichzeitig schrittweise Selbstverantwortung aufgetragen. Das war für mich der Schlüssel zum Erfolg. Ich konnte daran üben zu handeln und erwachsen zu sein. Und ich lernte, dass ich nicht alles kontrollieren kann und muss.
Ich lernte Kontrolle abzugeben
Natürlich gab es Rückschläge und Niederlagen. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie es sein könnte, ohne die Krankheit zu leben. Da müsste ich ja alles in den Griff bekommen, wovor ich mich unbewusst in die Krankheit geflüchtet hatte. Und gleichzeitig würde es vieles geben, das ich nicht kontrollieren kann. Ich musste Bilder und Perspektiven entwickeln, musste etwas ohne Plan machen und lernen, Kontrolle abzugeben und wieder zu übernehmen. Und es passierte ja gar nichts Schlimmes! Die gesunden Momente wurden mehr. Ich konnte im ZES diesen Reifeprozess durchmachen. Geholfen haben mir dabei natürlich die Fachpersonen, aber auch meine Mitpatientinnen. Wir haben uns gegenseitig gestützt und geholfen. Mit einigen von ihnen bin ich immer noch befreundet. Mein Umfeld war ohnmächtig, aber ich habe dennoch immer Verständnis und Sorge erfahren. Das war wichtig. Und meine Schwester! Sie ist mein Vorbild! Sie ist völlig anders als ich. In vielen Situationen fragte ich mich deshalb: Was würde sie jetzt machen? Das hat mir geholfen und Mut und Zuversicht gegeben.
Der Körper ist schneller wieder gesund als der Kopf
Ich bin immer offen mit meiner Essstörung umgegangen. Das können nicht allen Betroffenen . Ich rede deshalb immer auch ein bisschen für sie. Aber der Körper macht die Krankheit ohnehin sichtbar. Ich hatte ein ambivalentes Verhältnis dazu. Ich wollte und war froh, dass man meinem Körper ansieht, dass es mir nicht gut geht, dass ich krank bin. Gleichzeitig empfand ich Scham, denn er war auch das Zeichen dafür, dass ich etwas nicht im Griff hatte. Der Körper ist denn auch schneller wieder gesund als der Kopf. Deshalb helfen auch gutgemeinte Kommentare über den Körper oder über das Essen nicht, wenn Betroffene physisch auf dem Weg der Besserung sind.
Heute geht es mir gut. Ich sehe Dinge anders. Ich freue mich an kleinen Erfolgen, wenn ich etwas geschafft habe. Und manchmal klappt etwas halt nicht oder läuft anders als geplant. Ich habe zum Glück keine gesundheitlichen Schäden davongetragen. Ich spiele wieder Fussball, ich mache Sport, wenn ich Lust auf Bewegung habe. Mein Essverhalten ist gesund. Ich habe keine Angst mehr.