Regelmässige Bewegungstherapie verbessert nicht nur das Wohlbefinden von Menschen mit Krebs, sondern kann auch den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen. Mit dem Projekt Cancer Move Continuum Schweiz entsteht ein schweizweites Netzwerk, das Patientinnen und Patienten einen einfachen Zugang zu qualitätsgesicherter Bewegungstherapie ermöglicht.
Im Gespräch mit Nicola Greco und Anastasios Manettas, Projektverantwortliche von Cancer Move Continuum Schweiz.
Worum geht es beim Projekt Cancer Move Continuum Schweiz?
Greco: Cancer Move Continuum Schweiz, kurz CMCS, verfolgt ein einfaches, aber sehr wichtiges Ziel: Wir möchten, dass Menschen mit Krebs unabhängig von ihrem Wohnort Zugang zu einer wissenschaftlich fundierten Bewegungstherapie erhalten. Gezielte Anleitung zu Bewegung und Sport soll nicht mehr als freiwillige Zusatzleistung betrachtet werden, sondern als integraler Bestandteil der Krebsbehandlung und Nachsorge.
Manettas: CMCS ist ein nationales Netzwerk, das onkologische Zentren und Spitäler mit speziell geschulten Physiotherapiepraxen in der ganzen Schweiz verbindet. Nach einer medizinischen Beurteilung können Patientinnen und Patienten an eine qualifizierte Praxis in ihrer Wohnregion überwiesen werden und dort ein individuelles Trainingsprogramm absolvieren.
Wie entstand die Idee zu diesem Projekt?
Manettas: Wir wissen seit vielen Jahren aus zahlreichen internationalen Studien und Erfahrungen mit Betroffenen, dass Bewegung für Menschen mit Krebs enorme Vorteile hat. Sport kann helfen, sogenannte Fatigue zu reduzieren, die Muskelkraft zu erhalten, Schmerzen zu lindern und die Rückkehr in den Alltag zu erleichtern. Zudem fördert sie das psychische Wohlbefinden und stärkt das Vertrauen in den eigenen Körper. Trotzdem gab es in der Schweiz bislang kein flächendeckendes Angebot, das allen Betroffenen einen einfachen Zugang zu spezialisierter Bewegungstherapie ermöglicht.
Greco: Am Universitätsspital Zürich haben wir im Rahmen des Programms «Bewegung und Sport bei Krebs» bereits viel Erfahrung gesammelt. So wissen wir, dass eine professionelle Begleitung durch speziell geschulte Physiotherapeutinnen und -therapeuten enorm wichtig ist. Daraus entstand die Vision, dieses Know-how über die Grenzen einzelner Zentren hinaus verfügbar zu machen. Gemeinsam mit verschiedenen Partnern (Spitäler und Physiotherapiepraxen) entwickelten wir deshalb das CMCS-Netzwerk. Gesundheitsförderung Schweiz erkannte das Potenzial des Projekts und unterstützt dessen Umsetzung finanziell.
Das therapeutische Konzept hinter Cancer Move Continuum Schweiz besteht aus drei Kernelementen
- Eine klar abgegrenzte und regelmässig überarbeitete Liste von Behandlungsindikationen legt fest, bei welchen Symptomen eine Bewegungstherapie für Menschen mit Krebs indiziert ist.
- Ein klinisches Entscheidungsunterstützungssystem ermöglicht die standardisierte und strukturierte Behandlungsplanung. Der Therapiefortschritt wird regelmässig standardisiert erfasst und dient als Grundlage für Anpassungen der Therapie.
- Die spezifische Weiterbildung für Physio-therapeutinnen und -therapeuten sichert eine hohe Behandlungs- und Prozessqualität.
Was habt ihr bisher erreicht und was sind die Herausforderungen?
Manettas: Wir mussten andere Spitäler als Partnerinstitutionen gewinnen, Weiterbildungsangebote entwickeln und standardisierte Prozesse zur Planung und Steuerung der Therapie definieren. Das verlangt viel Koordinationsarbeit und die enge Zusammenarbeit unterschiedlichster Fachgruppen. Heute arbeiten bereits mehrere Universitäts- und Kantonsspitäler als Partnerinstitutionen mit uns zusammen. Zudem konnten wir schon rund 100 Physiotherapiepraxen in zahlreichen Kantonen für das Netzwerk gewinnen. Seit dem Start wurden bereits über 300 Patientinnen und Patienten zur Behandlung zugewiesen.
Greco: Besonders erfreulich ist, dass wir laufend neue Partner gewinnen und das Interesse sowohl auf Seiten der Spitäler als auch der Therapeutinnen und Therapeuten stetig wächst. Die grösste Herausforderung ist nun sicherlich der weitere Ausbau des Netzwerks mit einheitlichen Qualitätsstandards. Es ist wichtig, dass Ärztinnen und Ärzte, aber auch die Betroffenen unser Netzwerk kennen und wissen, dass evidenzbasierte Bewegungstherapie ein wichtiger Teil der Krebsbehandlung ist.
Wie kann ich als Patientin oder Patient teilnehmen?
Manettas: Der erste Schritt ist das Gespräch mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt im Spital oder onkologischen Zentrum. Wird eine Bewegungstherapie als sinnvoll erachtet, erfolgt die fachliche Abklärung in einem der Partnerspitäler und die Überweisung an eine wohnortnahe Praxis innerhalb des CMCS-Netzwerks. Dort erhalten die Patientinnen und Patienten ein individuelles Trainingsprogramm und werden über mehrere Monate begleitet. Die Kosten werden in der Regel von der Grundversicherung übernommen.
Wie können Spitäler Teil des Netzwerks werden?
Greco: Spitäler und onkologische Zentren können sich als Partnerinstitutionen beteiligen und damit ihren Patientinnen und Patienten den Zugang zu strukturierter Bewegungstherapie ermöglichen. Sie profitieren von standardisierten Prozessen, klaren Qualitätskriterien und einem interprofessionellen Netzwerk, das die Nachsorge stärkt. Unser Ziel ist es, das Netzwerk kontinuierlich auszubauen und das Angebot in allen Regionen der Schweiz verfügbar zu machen.
Und wie sieht es für Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten aus?
Manettas: Interessierte Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten können Teil des Netzwerks werden, indem sie die spezifische CMCS-Weiterbildung absolvieren. Diese vermittelt das nötige Fachwissen für die Betreuung von Menschen mit Krebs und bildet die Grundlage für die Zertifizierung als Netzwerkpraxis. Für Therapeutinnen und Therapeuten bietet das die Möglichkeit, sich in einem wichtigen und stark wachsenden Fachgebiet zu spezialisieren und sich mit Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Schweiz zu vernetzen.
Was ist eure Vision für die Zukunft?
Manettas: Unsere Vision ist, dass Bewegungstherapie bei Krebs so selbstverständlich wird wie andere medizinische Behandlungen. Niemand sollte aufgrund seines Wohnorts oder fehlender Angebote auf diese Möglichkeit verzichten müssen.
Greco: Wenn wir es schaffen, die qualitätsgesicherte Bewegungstherapie dauerhaft in die onkologische Versorgung zu integrieren, können wir die Lebensqualität vieler Menschen verbessern und möglicherweise sogar ihre Prognose positiv beeinflussen.
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