Welche Systeme zur operativen Behandlung der Urininkontinenz gibt es?
Am USZ bieten wir drei bewährte Operationsverfahren an, die alle das gleiche Ziel haben: Ihre Urininkontinenz deutlich zu verbessern – sie funktionieren aber unterschiedlich und sind für verschiedene Schweregrade geeignet.
Sphinkterprothese – künstlicher Schliessmuskel (AMS 800)
Eine Sphinkterprothese ist ein medizinisches Implantat, das bei schwerer Urininkontinenz eingesetzt wird. Der künstliche Schliessmuskel imitiert den natürlichen Verschlussmuskel, indem eine Manschette die Harnröhre sanft zusammendrückt. Zum Wasserlassen drücken Sie kurz eine kleine Pumpe im Hodensack, damit sich die Manschette öffnet. Das System gilt als Goldstandard für Männer mit mittelschwerer bis schwerer Inkontinenz, insbesondere nach Prostataoperationen, und kann oft auch dann helfen, wenn andere Methoden nicht mehr ausreichen.

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AdVance XP Schlinge
Die AdVance‑XP‑Schlinge ist ein feines, dauerhaft haltbares Kunststoff‑Bändchen, das unter der Harnröhre liegt und diese leicht anhebt. Dadurch kann der Rest Ihres eigenen Schliessmuskels wieder besser abdichten – Sie merken im Alltag nichts von der Schlinge und müssen nichts bedienen. Sie eignet sich vor allem für Männer mit leichter bis mässiger Belastungsinkontinenz (z.B. Tropfen beim Husten oder Sport) und noch relativ gut erhaltenem eigenen Schliessmuskel.

ATOMS‑Schlingensystem
Beim ATOMS‑System wird ein kleines, mit Flüssigkeit gefülltes Kissen unter die Harnröhre gelegt, das über dünne Bänder im Becken verankert ist. Der Druck auf die Harnröhre kann später über eine unter der Haut liegenden Kammer schrittweise angepasst werden. Sie müssen das System im Alltag nicht aktiv bedienen, und Ihr Arzt oder Ihre Ärztin kann den Druck bei Bedarf in einer kurzen, meist nur lokal betäubten Sitzung erhöhen oder verringern. ATOMS kommt für leichte bis schwere Inkontinenz – auch nach Bestrahlung bei Prostatakrebs – in Frage.

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Für wen sind Sphinkterprothesen und Schlingensysteme geeignet?
Die operativen Verfahren kommen erst zum Einsatz, wenn nicht-invasive Massnahmen (beispielsweise Physiotherapie) und Medikamente (Antimuskarinika, Sympathomimetika, Botox®) keinen Erfolg gezeigt haben. Vor der Operation wird Ihr Arzt oder Ihre Ärztin eine gründliche Untersuchung durchführen, einschliesslich einer Blasenspiegelung und möglicherweise einer Blasendruckmessung, um sicherzustellen, dass die Behandlung für Sie geeignet ist.
Behandlung
Wie erfolgreich ist die Behandlung?
Die Behandlung der männlichen Belastungsinkontinenz mit Sphinkterprothesen und Schlingensystemen zeigt gute bis sehr gute Erfolgsraten und kann die Lebensqualität verbessern. Die meisten Patienten erreichen eine sogenannte soziale Kontinenz. Das bedeutet, dass sie im Alltag höchstens eine «Sicherheits»-Einlage pro Tag benötigen oder ganz darauf verzichten können. Ein gelegentlicher, tröpfchenweiser Urinverlust kann jedoch auch nach der Operation weiterhin auftreten.
Wie läuft die Operation ab?
Die Operation findet in Vollnarkose statt und dauert meist eine halbe bis maximal zwei Stunden. Über einen kleinen Schnitt im Dammbereich werden die Implantate (Schlinge, ATOMS-Kissen oder künstlicher Schliessmuskel) an der Harnröhre platziert und die Schlingensysteme am Becken verankert. Beim künstlichen Schliessmuskel wird in der Regel über einen zweiten Hautschnitt im Unterbauch das Reservoir neben der Harnblase eingelegt. Anschliessend werden alle Teile unter der Haut verschlossen.
Nach der Operation bleiben Sie für einige Tage zur Überwachung im Spital. Ein Blasenkatheter liegt bis zum ersten postoperativen Tag, und Sie erhalten Schmerzmittel sowie Anweisungen, welche Bewegungen und Belastungen Sie in den ersten Wochen meiden sollten.
Ist eine operative Behandlung Ihrer Inkontinenz die richtige Wahl für Sie?
Die Entscheidung für eine Sphinkterprothese oder ein Schlingensystem sollte gemeinsam mit Ihrem Urologen oder Ihrer Urologin getroffen werden. Wichtige Überlegungen sind:
- Der Schweregrad Ihrer Inkontinenz
- Ihre allgemeine Gesundheit und Lebenserwartung
- Ihre Fähigkeit, die Pumpe zu bedienen
- Ihre Erwartungen an das Ergebnis
- Alternative Behandlungsmöglichkeiten
Wenn Sie an einem der operativen Möglichkeiten zur Behandlung der Urininkontinenz interessiert sind, vereinbaren Sie einen Termin in unserer urologischen Klinik. Ihre Lebensqualität ist uns wichtig. Mit der richtigen Behandlung können die meisten Männer mit schwerer Inkontinenz wieder ein aktives und selbstbestimmtes Leben führen.
Häufig gestellte Fragen zu Sphinkterprothesen und Schlingensystemen
Alle drei Systeme – künstlicher Schliessmuskel, AdVance‑XP‑Schlinge und ATOMS‑System – sind für eine langfristige Anwendung ausgelegt. In vielen Fällen funktionieren sie über viele Jahre, oft zehn Jahre oder länger, bevor eventuell eine Nachstellung (v. a. beim ATOMS) oder ein Austausch bzw. eine Korrekturoperation nötig wird. Genaue Zahlen hängen stark von individueller Situation, Vorerkrankungen und Belastung ab und werden deshalb immer im persönlichen Gespräch erläutert.
Während Sport oder Schwimmen spüren die meisten Patienten die Implantate kaum oder gar nicht. Man gewöhnt sich in der Regel schnell daran. Direkt nach der Operation können beim Bewegen noch Zug‑ oder Druckgefühle auftreten, die aber mit der Heilung meist deutlich nachlassen, sodass normale Alltags‑ und Sportaktivitäten später wieder gut möglich sind.
Leichte Tätigkeiten sind oft nach 2–3 Wochen wieder möglich, körperlich schwere Arbeit und Sport sollten ca. 6 Wochen pausiert werden. Insbesondere schweres Heben und Kontaktsport sollten Sie erst nach ärztlicher Rücksprache wieder aufnehmen.
Ja, Sexualität ist im Prinzip weiterhin möglich. In den ersten Wochen nach dem Eingriff sollten Sie allerdings auf Geschlechtsverkehr verzichten, bis alles gut verheilt ist und Ihr behandelnder Arzt grünes Licht gibt.
Prothesenmaterial, Operation und der mehrtägige Spitalaufenthalt sind Pflichtleistungen der Krankenkassen und werden vergütet. Wir empfehlen vor dem Eingriff bei Ihrer Krankenkasse eine Kostengutsprache zu stellen.
Ja. Beim ATOMS‑System kann der Druck über die Füllkammer mehrfach angepasst werden. Das geschieht ambulant über den Arzt/ die Ärztin. Beim künstlichen Schliessmuskel kann bei Problemen ein Wechsel oder eine Korrektur‑Operation erfolgen. Falls das Ergebnis nach einer Schlingen-Operation nicht ausreichend ist, kann später problemlos zusätzlich ein künstlicher Schliessmuskel eingesetzt werden.
Kommt es zu einem technischen Defekt, kann der künstliche Schliessmuskel in einer erneuten Operation ausgetauscht werden. In der Zwischenzeit können Sie Vorlagen oder Vorlagen plus Kondomurinal nutzen, bis das System wieder funktioniert.
Von aussen sieht man diese Systeme in der Regel nicht. Sie liegen vollständig im Körper unter der Haut. Tastbar ist meist nur die kleine Pumpe des künstlichen Schliessmuskels bzw. der Füllport (Titan-Port) beim ATOMS‑System im Hodensackbereich. Optisch fällt im Alltag normalerweise nichts auf.
Alle drei Systeme – künstlicher Schliessmuskel (Sphinkterprothese), AdVance‑XP‑Schlinge und ATOMS‑System – sind für Flugreisen unproblematisch. Sie werden durch Metalldetektoren oder Körperscanner nicht beeinträchtigt; sinnvoll ist lediglich, einen Implantatausweis mitzuführen und ihn bei Rückfragen an der Sicherheitskontrolle vorzuzeigen.
Im Alltag brauchen die Implantate praktisch keine besondere Pflege oder Wartung durch Sie selbst. Sie können duschen, baden und schwimmen wie gewohnt. Wichtig ist nur, die Kontrolltermine beim Urologen wahrzunehmen, damit Funktion und Sitz der Systeme regelmässig überprüft werden.