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Mythen und Fakten zum Darm

18. November 2021

Auf den falschen Rat zu hören, kann schnell einmal bedeuten, dass viel Geld für dubiose Analysen und Tests ausgegeben wird. Diese können dazu führen, dass man sich unnötig Umstände und Sorgen macht.

Mythos 1: Darmsanierung – Eine Detox-Behandlung reinigt den Darm und fördert die Gesundheit

Bei der Detox-Behandlung soll der Darm mit Hilfe von Abführmitteln oder von Einläufen von Giftstoffen gereinigt werden. Eine der Methoden ist beispielsweise die Kolon-Hydrotherapie, bei der Einläufe mit viel Flüssigkeit (bis zu 60 Liter) weite Teile des Dickdarms leer spülen sollen.

Wahr ist:

Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis, dass Menschen von diesen Massnahmen profitieren, im Gegenteil. Gifte, die der Darm erfolgreich im Kot gebündelt hat, können dabei sogar erst freigesetzt werden. Ausserdem sind diese Massnahmen zumindest vorübergehend ein massiver Eingriff in die Darmflora.

Die Kolon-Hydrotherapie ist nicht ohne Risiken, insbesondere, wenn sie von wenig geübten Personen durchgeführt wird. Bei der Kolon-Hydrotherapie kann der Darm verletzt und eine Operation nötig werden. Auch Veränderungen der Konzentration an lebenswichtigen Mineralstoffen im Blut sind möglich, weil der Darm dabei sehr viel Wasser aufnehmen kann. Das kann den Kreislauf und die Nieren belasten, zu Herzrhythmusstörungen und anderen schwerwiegenden Problemen führen.
Bei grossen Hämorrhoiden, Divertikeln, aber auch bei Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa, Morbus Crohn oder bei Darmkrebs ist von dieser Behandlung besonders abzuraten, weil das Risiko für Komplikationen erhöht ist.

Was kann ich selbst tun?

Gegen Verstopfung helfen andere Massnahmen besser und sie sind sicherer als die sogenannte Darmreinigung. Wenden Sie sich an eine Fachperson.

Mythos 2: Stuhlanalyse – Die Untersuchung der Darmflora liefert wertvolle Hinweise

Verschiedentlich werden Untersuchungen der gesamten Darmflora mit Hilfe von Stuhltests angeboten. Dabei soll ermittelt werden, welche Arten von Mikroorganismen im Darm zahlreich und welche weniger häufig vertreten sind. Aus den Ergebnissen leiten die Anbieter Empfehlungen zur Ernährung ab.

Wahr ist:

Umfassende Mikrobiom-Analysen des Stuhlgangs sind – ausser zu Forschungszwecken – bisher wenig hilfreich. Vor allem lassen sich daraus noch keine konkreten Handlungsempfehlungen ableiten. Dazu weiss die Wissenschaft noch zu wenig.

Die Zusammensetzung der Darmflora ist so individuell wie ein Fingerabdruck und sie kann sich bei bestimmten Erkrankungen auch verändern. Bei Menschen mit Darmkrebs gibt es tatsächlich Hinweise, dass bei ihnen manche Bakterienarten im Darm stärker und andere schwächer vertreten sind als bei Menschen ohne Darmkrebs. Ob das aber für alle Betroffenen gilt und ob es sich therapeutisch nützen lässt, ist noch offen.

Jede solche Stuhlanalyse ist nur eine Momentaufnahme. Schon wenige Stunden später kann sie unter Umständen anders ausfallen, denn die Darmflora verändert sich laufend. Das Geschlecht, das Alter, Medikamente, die Ernährung, Sport und viele andere Faktoren beeinflussen sie.

Zudem sind die Resultate solcher Stuhlanalysen von Labor zu Labor unterschiedlich und somit nicht verlässlich. Wer sich darauf basierend an die – wissenschaftlich nicht fundierten – Empfehlungen hält, riskiert, dass sich seine Darmflora unter Umständen sogar ungünstig verändert.

Was kann ich selbst tun?

Wer den Verdacht hegt, dass mit seiner Darmflora etwas nicht stimmt, sollte dies am besten mit einer Fachperson besprechen, bevor er viel Geld für unbewiesene Stuhlanalysen ausgibt. Diese werden von den Krankenversicherungen in aller Regel nicht bezahlt.

Mythos 3: Candida-Pilze sind gefährlich

Bei den eben erwähnten Stuhlanalysen wird häufig eine – vermeintliche – Fehlbesiedlung des Darms mit Candida-Pilzen diagnostiziert. Diese sollen dann mit bestimmten Diät- und Handlungsempfehlungen beseitigt werden.

Wahr ist:

Zur normalen Darmflora gehören Bakterien, Viren und Pilze. Ohne diese mikrobiellen Mitbewohner könnte der Mensch nicht leben. Sie produzieren gesundheitsfördernde Substanzen und zerlegen unverdauliche Nahrungsbestandteile.

Auf dem Transportweg ins Labor sterben manche Mikroorganismen rasch ab, andere – eben die Candida-Pilze – überstehen den Transport meist gut und wachsen weiter. Das kann bei der Analyse leicht zu Fehlschlüssen führen.

Es kann vorkommen, dass Pilze im Verdauungstrakt überhandnehmen. Solche Erkrankungen sind aber selten und gehen mit Beschwerden einher. Um Pilze zu diagnostizieren, braucht es entsprechendes Know-How.

Was kann ich selbst tun?

Gesunde, ausgewogene Ernährung mit ausreichend Ballaststoffen und Bewegung fördern die mikrobielle Vielfalt im Darm. Auch Probiotika können unter bestimmten Umständen eine gute Ergänzung sein. Lassen Sie sich von einer Fachperson beraten.

Mythos 4: Eine Reizdarm-Erkrankung erhöht das Risiko für Darmkrebs

Immer wieder Verdauungsbeschwerden – könnte es nicht doch Darmkrebs sein? Manche Menschen mit Reizdarm-Beschwerden hegen solche Zweifel und sind verunsichert.

Wahr ist:

Das Darmkrebs-Risiko ist bei Reizdarm nicht höher als in der Allgemeinbevölkerung. Deshalb gelten auch dieselben Empfehlungen zur Vorsorge und Früherkennung.

Was kann ich selbst tun?

Halten Sie sich an die Empfehlungen zur Darmkrebs-Vorbeugung und nehmen das Angebot zur Früherkennung wahr. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, wenn sie etwas beunruhigt.

Mythos 5: Kinesiologie, Bioresonanz und andere alternative Methoden helfen bei der Diagnostik einer Nahrungsmittelunverträglichkeit

Eine Reihe von komplementärmedizinischen Methoden sollen dabei helfen, herauszufinden, welche Nahrungsmittel man verträgt oder besser meidet.

Wahr ist:

Für keines dieser Verfahren konnte aber bisher der Beweis erbracht werden, dass die Testresultate korrekt sind. Trotzdem führen die Tests in der Praxis manchmal dazu, dass Menschen ihre Diät stark verändern und damit wichtige, natürliche und gesundheitsfördernde Substanzen aus ihrer Ernährung streichen.

Reagiert der Darm zum Beispiel mit Blähungen auf ein Nahrungsmittel, heisst dies längst nicht automatisch, dass es unverträglich ist. Das ist ein häufiges Missverständnis. Der Darm ist in gewissem Mass sogar «trainierbar».

Was kann ich selbst tun?

Verlassen Sie sich nur auf Tests, die wissenschaftlich haltbare Aussagen liefern. Erkundigen Sie sich bei einer Fachperson, bevor sie Geld ausgeben oder ihre Ernährung umstellen. Und vertrauen Sie auch auf Ihr «Bauchgefühl».

Mythos 6: Es ist wichtig, selbst etwas für das Immunsystem zu tun und es zu stärken.

Wahr ist: Das Immunsystem funktioniert von Natur sehr gut. Aber: Es gibt eine Reihe von Faktoren, die es schwächen. Dazu zählen beispielsweise das Rauchen, Schichtarbeit, chronischer Stress, starkes Über- oder Untergewicht oder ein Mangel an lebenswichtigen Nährstoffen. Wichtig ist zu unterscheiden zwischen wissenschaftlich begründeten Immuntherapien und unbewiesenen Methoden, die auf blossen Behauptungen gründen.

Was man tun kann

Dem Immunsystem ist am meisten gedient, wenn man die Faktoren beseitigt, die ihm nicht guttun. Eine gesunde Lebensweise mit ausgewogener Ernährung, Bewegung, Kontakten zu Menschen, die einem guttun und genügend Schlaf unterstützt das Immunsystem in jeder Phase der Erkrankung. Die Ernährungstherapeutin, die Psychoonkologin, die Hausärztin und weitere Fachpersonen können helfen, das umzusetzen. Wenn die Voraussetzungen dafür gegeben sind, kann eine gezielt eingesetzte, wissenschaftlich erprobte Immuntherapie bei Darmkrebs sehr wirksam helfen.

 

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Verantwortlicher Fachbereich

Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie