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Das Herz benötigt speziellen Schutz

Zuletzt aktualisiert am 21. September 2023 Erstmals publiziert am 16. Juni 2023

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind weltweit die häufigste Todesursache. Die Risiken für kardiologische Erkrankungen, insbesondere für Herzinfarkt und Herzinsuffizienz, steigen mit zunehmendem Alter. Massnahmen zur Prävention und rechtzeitige Behandlung könnten Herz und Gefässe länger gesund erhalten.

Text: Helga Kessler

Anspannen – entspannen, anspannen – entspannen. Das gesunde Herz eines Erwachsenen vollführt die «Übung» rund 70 Mal pro Minute. Jeder Pumpstoss des Herzmuskels drückt das Blut über die Hauptschlagader in den Körper, sodass jede Stelle mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird. 100’000 Schläge macht das Herz an einem Tag, 36 Millionen in einem Jahr, mehr als 3 Milliarden im Laufe eines Lebens. «Eng mit dem Gehirn und anderen Organen vernetzt, ist unser Herz weit mehr als ein hocheffizienter Motor», sagt Frank Ruschitzka.

Mit Prävention Todesfälle verhindern

Der Kardiologe leitet das USZ-Herzzentrum mit seinem breiten Angebot zur Diagnostik und Therapie von Herz- und Kreislauferkrankungen. Schäden an Herz und Gefässen sind die häufigste Ursache für Todesfälle weltweit. In der Schweiz sterben daran jährlich 20’000 Menschen. «Herz-Kreislauf Erkrankungen machen ein Drittel der landesweiten Todesfälle aus», sagt Frank Ruschitzka. Ein Grossteil davon liesse sich mit rechtzeitiger Prävention verhindern.

Das eigene Risiko kennen

Das Risiko einer Erkrankung korreliert mit hohem Blutdruck und einem zu hohen Cholesterinspiegel und steigt ab einem Lebensalter von etwa 50 Jahren stark an, bei Frauen stärker als bei Männern. Auch eine Diabeteserkrankung und eine erbliche Veranlagung erhöhen das Risiko. Blutdruck und Blutfette, auch eine Diabeteserkrankung lassen sich mit Medikamenten sowie einer Lebensstilveränderung, die für weniger Stress und mehr Bewegung sorgt, gut behandeln. Einer der wichtigsten vermeidbaren Faktoren ist das Rauchen.

Das Herz in die Hand nehmen

Wer sein individuelles Risiko kennt, kann dazu beitragen, dass Herz und Gefässe bis ins hohe Alter gesund bleiben. Für den Kardiologen Frank Ruschitzka ist das eine Selbstverständlichkeit: «Jeder erwachsene Mensch sollte sein Herz selbst in die Hand nehmen und aktiv vorsorgen.» Die Zeit spielt eine wichtige Rolle beim komplexen Krankheitsgeschehen, bei dem sich verschiedene Faktoren gegenseitig beeinflussen und verstärken.

Anpumpen gegen hohen Blutdruck

Ein gesundes Herz hat kein Problem, wenn es gelegentlich schneller schlagen und den Blutdruck erhöhen muss, weil die Muskeln beim Sport mehr Sauerstoff benötigen oder sich die Gefässe bei Stress verengen. Puls und Blutdruck beruhigen sich in den Ruhephasen wieder. Muss das Herz dagegen 100’000 Mal am Tag gegen einen hohen Blutdruck anpumpen, um das Blut auch in die kleinsten Zellen des Körpers zu pressen, kann das Organ mit der Zeit Schaden nehmen. Der Herzmuskel kann sich verdicken und vergrössern, die Herzkammern können sich verformen, die Klappen undicht werden. «Das Herz wird regelrecht umgebaut», sagt Felix Tanner, stellvertretender Direktor der Klinik für Kardiologie.

Herzinfarkt durch verengte Gefässe

Hinzu kommt, dass Gefässe im Laufe des Lebens «verkalken» und dadurch weniger elastisch werden. Denn mit den Jahren lagern sich in den Gefässwänden sogenannte Plaques von Cholesterin ab. Der Arteriosklerose genannte Prozess verengt die Gefässe, die sich irgendwann komplett verschliessen können. Die Plaques begünstigen zudem Entzündungsprozesse, wodurch sich gefährliche Blutgerinnsel bilden und die Gefässe vollständig verstopfen können. Ist das bei den Herzkranzgefässen der Fall, kann es schlagartig zum Herzinfarkt kommen. Teile des Herzmuskels erhalten dann kein sauerstoffreiches Blut mehr und sterben nach kurzer Zeit ab. Lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen mit Herzkreislaufstillstand können die Folge sein. Beim Herzinfarkt muss die Diagnose besonders schnell gehen, es zählt jede Minute. «Falls möglich, fragen wir den Patienten oder die Patientin nach den Symptomen», sagt Kardiologin Barbara Stähli. Während Männer meist über stechende und häufig ausstrahlende Schmerzen in der Brust klagen, tritt gerade bei Frauen und älteren Patienten häufig eine unspezifische Übelkeit mit Erbrechen oder eine generelle Müdigkeit auf.

Schnellstmögliche Diagnose und Behandlung

Die Diagnose des Herzinfarkts erfolgt über einen Bluttest, bei dem erhöhte Werte des Herzmuskel-Eiweisses Troponin festgestellt werden. Auch das Elektrokardiogramm (EKG) ist oft typisch verändert. «Um eine gezielte Behandlung einleiten zu können, ist eine sorgfältige Abklärung der Ursachen notwendig», sagt Barbara Stähli. Besteht der Verdacht auf einen Herzinfarkt, findet notfallmässig eine Herzkatheteruntersuchung statt. Hierbei wird über ein Arm- oder Leistengefäss ein Katheter bis zum Herzen vorgeschoben, und die Gefässe, die das Herz mit Blut versorgen, werden auf Engstellen untersucht. Ist ein Herzkranzgefäss verschlossen, muss es schnellstmöglich wieder eröffnet werden. Sind mehrere Gefässe betroffen, kann es notwendig sein, dass Herzchirurgen eine Bypassoperation vornehmen. Insbesondere bei Frauen gibt es jedoch auch Formen des Herzinfarkts, bei denen die Herzkranzgefässe nicht verschlossen sind.

Herzinsuffizienz als Endstadium

Acht von im Schnitt täglich zehn kardiologischen Notfällen am USZ werden als Herzinfarkt oder als Herzinsuffizienz diagnostiziert. Die auch Herzschwäche genannte Erkrankung gilt als Endstadium verschiedenster Herzerkrankungen und ist eine der häufigsten Todesursachen. Rund 210’000 Menschen in der Schweiz sind betroffen, besonders häufig ältere Menschen. Ausgelöst wird die Herzinsuffizienz meist durch eine langjährige Belastung des Herzens, beispielsweise durch erhöhten Blutdruck oder Verengung der Herzkranzgefässe. Der dadurch verursachte Umbauprozess des Herzens bleibt oft über Jahre oder Jahrzehnte unbemerkt, weil das Herz versucht, Schäden zu kompensieren, indem es sich anpasst. Ein Teufelskreis. Das Herz verformt sich immer stärker, und der Herzrhythmus verändert sich. Irgendwann summieren sich die Probleme, und das Herz wird schwach, «insuffizient». Es ist dann nicht mehr in der Lage, den Körper ausreichend mit sauerstoffreichem Blut zu versorgen.

Letzte Option Herztransplantation oder Kunstherz

«Die Betroffenen klagen typischerweise über Atemnot, Erschöpfung, geschwollene Beine und Gewichtszunahme», sagt Herzinsuffizienz-Spezialist Andreas Flammer. Solche Symptome müssten ähnlich wie ein Herzinfarkt schnell behandelt werden. Dafür stehen verschiedenste Medikamente sowie Schrittmacher oder implantierbare Defibrillatoren zur Verfügung. Häufig führt die Herzschwäche zu einer Klappenerkrankung, etwa einer Mitralklappeninsuffizienz. Die Mitralklappe regelt den Blutfluss zwischen linkem Vorhof und linker Herzkammer. Wird das Ventil undicht, fliesst das Blut in den Vorhof und die Lungen zurück, statt in den Körper gepumpt zu werden. Der Herzmuskel muss dann noch mehr Pumpkraft aufwenden.

Behandelt werden Herzklappenerkrankungen mit einem katheterbasierten Eingriff oder chirurgisch. Doch trotz der vielfältigen Behandlungsformen bleibt die Herzinsuffizienz eine chronische Erkrankung. Ist sie fortgeschritten, bleibt als letzte Option eine Herztransplantation oder die Einlage eines Kunstherzens. In ausgewählten Fällen eröffneten diese Therapien die Chance für ein Leben mit guter Qualität, sagt Andreas Flammer. «Zum Glück haben wir diese Möglichkeit.»

Kontakt

Frank Ruschitzka, Prof. Dr. med.

Klinikdirektor, Klinik für Kardiologie

Tel. +41 44 255 21 21
Spezialgebiete: Herzinsuffizienz, Herztransplantation

Felix Tanner, Prof. Dr. med.

Leitender Arzt, Stv. Klinikdirektor, Klinik für Kardiologie

Tel. +41 43 253 79 40

Andreas Flammer, Prof. Dr. med.

Leitender Arzt, Klinik für Kardiologie

Tel. +41 43 253 83 08
Spezialgebiete: Leiter Herzinsuffizienz und Herztransplantation, Leiter Assist-Devices Sprechstunde, Co-Leiter Amyloidose-Netzwerk Zürich