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Hormonaktive Substanzen – ein Thema, das über Pestizide hinausgeht

03. Juni 2021

Die Fruchtbarkeit der Menschen nimmt ab und zwar praktisch weltweit. Die genauen Ursachen hierfür sind unklar – es gibt aber deutliche Hinweise: Umweltöstrogene sind stark verbreitet, vor allem dort, wo der Umweltschutz wenig Aufmerksamkeit hat. Aber auch bei uns sind sie fast allgegenwärtig und werden damit zum Problem.

​Bevor Substanzen genutzt und auch in die Umwelt abgegeben werden dürfen, unterstehen sie strengen Prüfverfahren und Standards. Untersucht wird jedoch primär die Giftigkeit. Noch viel zu wenig analysiert wird, wie sich eine Substanz in einem ganzen System verhält, wie sie mit dem Körper interagiert. Und genau dort liegt das Problem.

Hormonaktive Substanzen

Eine Vielzahl menschlicher – wie im Übrigen auch tierischer – Körperfunktionen werden über Hormone getriggert und gesteuert. Die Hormone docken über Rezeptoren an den Zellen an und können schon bei kleinsten Mengen grosse Wirkung entfalten. Treten andere Substanzen in Interaktion mit diesen Hormonrezeptoren, können sie eine ähnliche Wirkung auslösen und dadurch beispielsweise den Schilddrüsenhormon-, aber auch den Insulin- und Zuckerstoffwechsel beeinflussen. Oder eben – bei den sogenannten Umweltöstrogenen – die Fruchtbarkeit. «Das Problem von Umweltöstrogenen ist, dass diese Substanzen im Fettgewebe abgelagert werden, sich so über die Nahrungskette kumulieren und zudem gegenseitig in der Wirkung verstärken können», erklärt Brigitte Leeners, Direktorin der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie am USZ. Das macht es so schwierig, die Ursache auf eine einzelne Substanz zurückzuführen. Ein Zusammenhang scheint dennoch eindeutig: «Wir sehen, dass die Spermienqualität vor allem dann schlechter ist, wenn die Mütter in Berufen arbeiteten, in denen sie vermehrt solchen Stoffen ausgesetzt waren».

Vermeiden als Taktik – vermindern als Ziel

Hormonartige Wirkung entfalten zum einen viele Pestizide, aber auch Weichmacher für Plastik und viele Produkte der Kosmetikindustrie. Haben die Stoffe Kontakt zu Esswaren oder Trinkwasser können sie aufgenommen werden. Gleiches gilt aber insbesondere auch beispielsweise für manches Plastikspielzeug, das Kinder gerne in den Mund nehmen: Weil diese Stoffe nicht rasch abgebaut werden, finden sie so womöglich Eingang in den menschlichen Stoffwechsel. «Durch die Freisetzung in der Umwelt und die Anreicherung in der Nahrungskette können Effekte entstehen, die nie beabsichtigt waren», sagt Felix Beuschlein, Direktor der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Ernährungswissenschaften am USZ. Was also tun? «Wir alle haben eine gewisse Marktmacht», zeigt sich Beuschlein überzeugt. «Wir können zum Beispiel auf in Plastik verpackte Nahrungsmittel verzichten». Sich den Stoffen zu entziehen, das ist aus seiner Sicht aber ebenso klar, ist jedoch unmöglich. Zu allgegenwärtig sind die Substanzen.

Veränderte Prüfverfahren und Standards sind nötig

Wichtig ist beiden Experten, dass das Bewusstsein für die Problematik geschärft wird. Stoffe mit hormonaktiven Substanzen sollten reduziert eingesetzt oder wo möglich ganz vermieden werden. Bemühungen in diese Richtung sind auch vorhanden, indem beispielsweise in Babyfläschchen oder Schnullern auf synthetische Weichmacher verzichtet wird. Ziel müsste jedoch insbesondere sein, keine neuen hormonaktiven Substanzen auf den Markt zu bringen, indem Prüf- und Zulassungsverfahren angepasst werden. Rasche Lösungen sind aber leider nicht in Sicht, zu komplex und vielschichtig ist das Thema. Und einen zu grossen Nutzen haben auch viele der in dieser Hinsicht problematischen Produkte.

 

Klinik für Reproduktions-Endokrinologie

Klinik für Endokrinologie, Diabetologie und Klinische Ernährung

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