Social Freezing wird häufig als Möglichkeit beschrieben, die Familienplanung flexibler zu gestalten. Das Einfrieren von Eizellen kann Frauen zusätzliche Optionen für die Zukunft eröffnen und den Druck reduzieren, sich früh für eine Schwangerschaft entscheiden zu müssen. Gleichzeitig ist die Entscheidung komplexer, als es auf den ersten Blick scheint. Nicht für jede Frau ist ein möglichst frühes Social Freezing sinnvoll, aber auch ein zu spätes Vorgehen kann die Erfolgsaussichten beeinträchtigen.
„Die Entscheidung für oder gegen ein Social Freezing sollte immer individuell getroffen werden“, sagt Dr. med. Samia El-Hadad von der Klinik für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie des Universitätsspitals Zürich. „Entscheidend ist nicht nur das Alter, sondern auch die ovarielle Reserve und die persönliche Lebenssituation.“
Nicht jede Frau profitiert von einem sofortigen Eingriff
Vor einer Entscheidung ist eine umfassende Fruchtbarkeitsabklärung sinnvoll. Wichtige Hinweise auf die ovarielle Reserve liefern dabei der AMH-Wert (Anti-Müller-Hormon) sowie die Anzahl antraler Follikel im Ultraschall (AFC). Die einzelnen Werte müssen jedoch immer im Gesamtkontext und auch unter Berücksichtigung des Alters der Frau beurteilt werden.
Hohe AMH- und AFC-Werte können auf eine gute Eizellreserve hindeuten. In solchen Fällen besteht nicht zwingend unmittelbarer Handlungsbedarf. Statt direkt ein Social Freezing einzuleiten bei einer jungen Frau (z.B. unter 30 Jahren), kann es sinnvoll sein, die Entwicklung der Fruchtbarkeit zunächst über die Zeit zu beobachten und regelmässige Kontrollen durchzuführen.
Am Universitären Zentrum für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie des USZ fliessen deshalb sowohl hormonelle Parameter als auch die individuelle Lebensplanung in die Beratung ein. Ziel ist es, gemeinsam eine fundierte Entscheidungsgrundlage zu schaffen und unnötige Behandlungen zu vermeiden.
Zwischen zu früh und zu spät
Rund um das Social Freezing besteht häufig die Vorstellung, dass Eizellen möglichst früh eingefroren werden sollten. So pauschal lässt sich dies jedoch nicht sagen. Bei jungen Frauen mit guter Eizellreserve kann ein sofortiger Eingriff unnötig sein. Zudem dürfen eingefrorene Eizellen in der Schweiz gesetzlich maximal zehn Jahre gelagert werden. Dies kann bedeuten, dass ein zu frühes Einfrieren, zu früh dazu führt, dass die Eizellen nicht mehr verwendet werden können und Frauen, genau dann, wenn sie sie brauchen würden und die natürlichen SS-Chancen tiefer sind keine mehr zur Verfügung haben.
Gleichzeitig sollte die Entscheidung nicht auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben werden. Viele Frauen stellen sich erst am Ende des dritten oder Anfang des vierten Lebensjahrzehnts für eine Beratung vor. Zu diesem Zeitpunkt, ist es häufig so, dass Anzahl und Qualität der Eizellen nicht mehr gut sind, da diese mit dem Alter kontinuierlich abnehmen. In diesem Fall sind die Chancen für eine Schwangerschaft auch mit einer Social Freezing deutlich reduziert.
„Die Herausforderung besteht darin, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Weder ein reflexartiges Einfrieren in jungen Jahren noch ein zu langes Zuwarten ist in jedem Fall sinnvoll“, so Samia El-Hadad.
Alter beeinflusst Aufwand und Erfolgsaussichten
Ein entscheidender Faktor ist die Anzahl der eingefrorenen Eizellen. Wie viele Eizellen für eine spätere Schwangerschaft erforderlich sind, hängt von verschiedenen Faktoren ab, insbesondere vom Alter zum Zeitpunkt der Entnahme der Eizellen.
Da die Anzahl gewonnener Eizellen mit zunehmendem Alter sinkt, jedoch mit zunehmendem Alter eine höhere Zahl an Eizellen gewünscht ist, da ein erheblicher Teil genetisch nicht mehr ganz gesund ist, sind bei Frauen mit zunehmendem Alter oft mehrere Stimulations- und Entnahmezyklen erforderlich. Dies beeinflusst nicht nur die Erfolgsaussichten, sondern erhöht auch den Behandlungsaufwand. Da Social Freezing in der Regel keine Pflichtleistung der Krankenkassen ist, spielt auch der Kostenaspekt bei der Entscheidungsfindung eine wichtige Rolle.
Social Freezing und Medical Freezing sind nicht dasselbe
Wichtig ist zudem die Unterscheidung zwischen Social und Medical Freezing. Während das Einfrieren von Eizellen aus sozialen Gründen grundsätzlich selbst finanziert werden muss, kann bei bestimmten medizinischen Indikationen eine Kostenübernahme möglich sein. Dazu gehören beispielsweise Krebserkrankungen vor einer fruchtbarkeitsschädigenden Therapie oder weitere Erkrankungen, die die Fruchtbarkeit beeinträchtigen können.
Realistische Erwartungen durch individuelle Beratung
Social Freezing kann Frauen zusätzliche Handlungsmöglichkeiten für die Familienplanung eröffnen. Es handelt sich jedoch nicht um eine Garantie für eine spätere Schwangerschaft. Umso wichtiger ist eine individuelle Beratung, die Alter, Fruchtbarkeitsparameter und persönliche Lebensplanung berücksichtigt.
„Unser Ziel ist es, Frauen eine fundierte Entscheidungsgrundlage zu bieten und Chancen, sowie Grenzen realistisch einzuordnen“, sagt Samia El-Hadad. „Nicht die frühestmögliche Behandlung ist entscheidend, sondern diejenige zum richtigen Zeitpunkt.“
Damit wird deutlich: Der Erfolg von Social Freezing hängt nicht allein vom Alter oder einzelnen Laborwerten ab. Entscheidend ist das Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Eine sorgfältige Abklärung hilft dabei, Chancen und Grenzen realistisch einzuschätzen und den individuell passenden Zeitpunkt für oder gegen eine Behandlung zu finden.