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«Vierlinge sind (auch) eine logistische Herausforderung»

Zuletzt aktualisiert am 23. Mai 2024 Erstmals publiziert am 16. Mai 2024

Anfang März kamen am USZ Vierlinge auf die Welt. Trotz tausender Geburten ist das auch am USZ ein seltenes Ereignis. Und so auch für Beate Grass, Leitende Ärztin in der Klinik für Neonatologie, und Nina Kimmich, Leitende Ärztin in der Klinik für Geburtshilfe.

Frau Grass, Frau Kimmich, wie häufig sind Kinder im «Viererpack»?

Schon Drillingsgeburten gibt es wenige, 2020 und 2022 wurden in der Schweiz 19 Drillingsgeburten erfasst, 2021 elf. Vierlinge oder gar Fünflinge sind noch deutlich seltener. So gab es in der Schweiz 2020 nur eine solche Mehrlingsgeburt, 2021 und 2022 gar keine.

Und im USZ?

Vierlingsgeburten hatten wir im USZ je eine in den Jahren 1995, 2005, 2015 und jetzt 2024.

Also immer etwa alle zehn Jahre. Warum sind sie so selten?

Die meisten Vierlingsschwangerschaften gehen schon in der Frühphase oder in der ersten Hälfte der Schwangerschaft von selbst zu Ende, weil eines oder mehrere Kinder nicht ganz gesund sind oder es zu einem frühen Blasensprung, Blutungen mit Wehen oder anderen Komplikationen kommt.

Worin besteht die Herausforderung für die Neonatologie?

Vierlinge kommen immer als Frühgeborene zur Welt. Sie brauchen entsprechende neonatologische Unterstützung über einen Zeitraum von Wochen bis hin zu Monaten. Die gesundheitlichen Probleme und medizinischen Massnahmen bei Vierlingen unterscheiden sich jedoch nicht von denen einzelner frühgeborener Kinder. Für die neonatologischen Teams sind Vierlinge eine logistische Herausforderung und es braucht eine entsprechende Ressourcenplanung für die Geburt, da alle vier Kinder zeitgleich intensivmedizinisch betreut werden müssen. Nach der Erstversorgung im Gebärsaal werden die Kinder auf die Neonatologie gebracht. Auch hier muss kurzfristig Aufnahmekapazität geschaffen werden, z.B. indem wir Kinder verlegen, damit die Mehrlinge dort intensivmedizinisch versorgt werden können.

Was entscheidet über den Zeitpunkt der Geburt?

Grundsätzlich wird bei Vierlingen zur Entbindung immer ein Kaiserschnitt durchgeführt. Das heisst aber nicht, dass der Zeitpunkt lange im Voraus geplant werden kann. Entscheidend ist letztlich die medizinische Situation. Meistens bekommen die Mütter zu früh Wehen oder die Fruchtblase platzt viel zu früh, was wiederum Wehen auslösen, aber auch zu einer Infektion führen kann. Andere Gründe können Wachstumsrückstände eines oder mehrerer Kinder sein, bedingt durch eine verminderte Versorgung der Plazenta oder eine verschlechterte Durchblutung. Mit der fortschreitenden Schwangerschaft rücken Gründe wie mütterliche Erschöpfung, Atembeschwerden und Schlafstörungen aufgrund des grossen Bauchumfangs für die Entscheidung zur Geburt in den Vordergrund.

Wie bereiten Sie sich in den beteiligten Kliniken auf die Geburt vor?

Die Betreuung und Geburt von Vierlingen ist eine organisatorische und personelle Höchstleistung, v.a. auch in der Zusammenarbeit und Abstimmung zwischen allen beteiligten Fachpersonen und Disziplinen. Da Vierlinge wie erwähnt häufig ungeplant und dann gerne auch am Wochenende oder nachts auf die Welt kommen, braucht es bereits im Vorfeld einen guten Plan für alle Fälle. Zur Geburt von Vierlingen werden die erfahrensten Ärztinnen und Ärzte zugezogen. Steht die Geburt an, kommen sie deshalb auch ausserhalb ihrer Dienst- und Arbeitszeiten von zuhause ins USZ, um die Mutter und die Kinder bestmöglich zu versorgen.

Wer ist alles bei einer so anspruchsvollen und seltenen Geburt dabei?

Ein grosses Team! Allein von der Neonatologie stehen für jedes Kind zwei bis drei Ärztinnen und eine Pflegefachperson bereit. Das sind schon 12 bis 16 Personen. Dazu kommen drei Ärztinnen und Ärzte der Geburtshilfe, drei Hebammen sowie zwei Anästhesieärzte, eine Fachperson aus der Anästhesiepflege und zwei aus der Operationspflege.

Nach zwei Monaten auf der Neonatologie durften die Vierlinge nach Hause. Für die Eltern ist das ein grosser Schritt. Was geben Sie den Eltern mit auf den Weg? Verfolgen Sie die Entwicklung der Kinder?

Die Betreuung frühgeborener Vierlinge zuhause ist über einen langen Zeitraum sehr anspruchsvoll. Der Austritt aus dem Spital benötigt im Vorfeld eine gute Planung und den Aufbau eines unterstützenden Netzwerks. Wir werden die Entwicklung der Vierlinge engmaschig über ihre ganze Kindheit hinweg nachverfolgen. Das handhaben wir aber bei allen frühgeborenen bzw. extrem frühgeborenen Kindern in der Schweiz so.

Verantwortliche Fachpersonen

Beate Grass, PD Dr. med.

Leitende Ärztin, Klinik für Neonatologie
Dienstleisterin, Klinik für Neonatologie

Tel. +41 44 255 11 11
Spezialgebiete: Intensivmedizin bei Früh- und Neugeborenen, Neonatale Transportmedizin, Neonatale Simulation

Nina Kimmich, PD Dr. med.

Leitende Ärztin, Klinik für Geburtshilfe

Tel. +41 44 255 11 11
Spezialgebiete: Schwerpunkttitel Fetomaternale Medizin, FMH, Invasive und nicht-invasive Pränataldiagnostik, Geburtsverletzungen/postpartale Beckenbodendiagnostik