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«Wir müssen das Schamgefühl ablegen»

Zuletzt aktualisiert am 01. Juli 2024 Erstmals publiziert am 16. Januar 2024

Vom polyzystischen Ovarsyndrom sind bis zu 18 Prozent der Frauen betroffen. Und viele wissen nichts davon. Ramona Müller erhielt die Diagnose erst Jahre nach dem initialen Arztbesuch.

„Wenn ich zurückdenke, hat alles schon mit der Pubertät begonnen. Auch damals kam die Regelblutung bei mir schon in unregelmässigen und zu grossen Abständen. Mit der Antibabypille, die den Hormonhaushalt im Körper reguliert, verschwanden die Symptome. Bis ich die Pille wieder absetzte, änderte sich daran auch nichts. Kaum nahm ich sie nicht mehr ein, setzten jedoch alle in mir schlummernden Symptome wieder ein. Wobei mir vor allem die unregelmässige Periode zunehmend Sorgen bereitete: Menstruierte ich unter der Pille alle vier Wochen, dehnte sich die Zeit dazwischen auf drei Monate aus. Auch der übermässige Haarausfall beschäftigte mich stark.

Als ich bei der jährlichen gynäkologischen Untersuchung die Symptome ansprach, wurde mir geraten, doch wieder die Pille zu nehmen – denn mit ihr sei ja alles gut gewesen: schöne Haut, schöne Haare, regelmässige Periode. Für mich war das aber keine Option. Ich wollte die Ursache kennen, nicht die Symptome mit einer Hormonpille bekämpfen. Ich wusste, dass etwas in mir nicht stimmte. Also blieb ich hartnäckig. Ich informierte mich selbstständig und liess meine Hormone bei einem Arztbesuch kontrollieren. Dabei stellte sich heraus,  dass die männlichen Hormone erhöht sind, jedoch konnte auch ein Ultraschall keine definitive Diagnose bieten. Ich fühlte mich, ohne konkrete Behandlungsvorschläge, mit meinen Gedanken alleine gelassen.

Als ich im Folgejahr, bei einer neuen Gynäkologin, die Befunde erneut ansprach, überwies diese mich für weitere Untersuchungen zu einer spezialisierten Ärztin ans Universitätsspital Zürich. Viele Blutuntersuchungen und Ultraschalle später konnte mir endlich eine endgültige Diagnose gestellt werden – inzwischen fünf Jahre nach dem Absetzen der Antibabypille. Ich war überglücklich, endlich eine spezialisierte Ärztin zur Seite zu haben, die mir helfen konnte. Mit der Behandlung am USZ bin ich mehr als zufrieden. Hier wurde mir zum ersten Mal nicht geraten, einfach wieder die Pille zu nehmen, sondern es wurden verschiedene Therapieformen vorgeschlagen.

Heute lebe ich mit den verschriebenen Medikamenten, betreibe mehr Sport und achte auf die Ernährung, was meinem Körper ebenfalls hilft. Ich glaube, dass noch nicht ausreichend Bewusstsein im Umgang mit der Krankheit vorhanden ist. Vor der Diagnose hatte ich noch nie von PCOS gehört. Krass, wenn man bedenkt, dass es die häufigste Hormonstörung bei jungen Frauen ist! Ich möchte jungen Frauen Mut machen, die Symptome anzusprechen und auf eine Abklärung – in einem spezialisierten Umfeld – zu bestehen. Wir müssen lernen, das Schamgefühl abzulegen. Die Diagnose und der Start einer spezifischen Behandlung haben mir Hoffnung gegeben, in Zukunft wieder beschwerdefrei leben zu können.“