Die lange Liste der möglichen Beschwerden reicht bei Polyneuropathie von Taubheitsgefühlen und vermindertem Temperaturempfinden über Muskelkrämpfe bis zu Verdauungsstörungen und Nervenschmerzen. Die Nervenkrankheit entsteht oft als Folge einer anderen Erkrankung – je früher diese erkannt und behandelt wird, desto wirksamer lassen sich die Symptome der Polyneuropathie lindern.
Was ist Polyneuropathie?
Polyneuropathie ist ein Nervenleiden. Genauer gesagt: eine Schädigung oder Erkrankung von Nerven. Betroffen sind Nerven, die ausserhalb des Gehirns oder des Rückenmarks im peripheren Nervensystem liegen. Polyneuropathie manifestiert sich initial häufig an den Füssen sowie im Verlauf an den distalen Händen, aber auch Organe wie das Herz, die Blase, Blutgefässe und andere können durch eine Polyneuropathie betroffen sein.
Das Wort Polyneuropathie setzt sich aus drei Teilen zusammen: „Poly“ bedeutet „viele“, während „neuro“ auf Nerven hinweist und die Endung „…pathie“ für eine Krankheit steht. Eine Polyneuropathie ist also eine Erkrankung vieler Nerven. Aus unterschiedlichen Gründen verlieren die befallenen Nerven ihre Leitfähigkeit oder gehen zugrunde, weshalb sie Reize nur noch unvollkommen oder gar nicht mehr weiterleiten können. Die Folge sind Beschwerden von unterschiedlicher Art, Anzahl und Ausprägung.
Polyneuropathie ist keine seltene Erkrankung: Das Leiden tritt häufig auf, vor allem im Alter. Während bis zu drei Prozent der Schweizer Gesamtbevölkerung von Polyneuropathie betroffen sind (rund 270.000 Männer und Frauen), liegt der Anteil der Erkrankten bei den über 55-jährigen Schweizerinnen und Schweizern bei über fünf Prozent. Jährlich kommen mehr als 10.000 neue Patienten und Patientinnen hinzu.
Symptome: Wie zeigt sich Polyneuropathie?
Die Krankheitszeichen der Polyneuropathie können divers und in ihrer Stärke sehr unterschiedlich sein. Während einige Betroffene nur ein gelegentliches Kribbeln in den Händen oder Beinen verspüren, leiden andere unter Schmerzen oder einer extremen Empfindlichkeit, bei der schon das Berühren der Bettdecke zur Qual wird. Je nachdem, welche Nervenfasern befallen sind, unterscheidet man folgende Formen der Polyneuropathie:
Motorische Polyneuropathie
Diese Form der Erkrankung befällt Nerven bzw. die Nervenanteile, welche die Muskeln steuern; sie führt zu Schwäche und/oder Muskelschwund. Folgende Beschwerden sind typisch für eine motorische Polyneuropathie:
- Muskelschwäche, zum Beispiel beim Greifen
- Eingeschränktes Gehen, insbesondere Steppergang bei Schwäche der Fusshebung
- Muskelabbau
Sensible Polyneuropathie
Diese Form der Erkrankung befällt Nerven bzw. Nervenanteile, die sensible Reize weiterleiten (sensorische Nerven); sie führt zu Empfindungsstörungen. Folgende Beschwerden sind typisch für eine sensible Polyneuropathie:
- Kribbeln („Ameisenlaufen“)
- brennende oder stechende Schmerzen an den Füssen oder Händen
- Taubheitsgefühle
- herabgesetztes Empfinden für Temperatur
- Unsicherheit beim Gehen; Betroffene haben laufen unsicher, wenn sie die Augen geschlossen haben und können das Gefühl haben, „wie auf Watte“ zu gehen, manche beginnen zu stolpern
- verminderte Sensibilität bei Berührungen; Betroffene können zum Beispiel nicht mehr verlässlich zwischen stumpf und spitz unterscheiden.
Autonome Polyneuropathie
Diese Form der Erkrankung befällt Nerven bzw. Nervenanteile, die dem sogenannten autonomen Nervensystem (auch vegetatives Nervensystem genannt) zugeordnet werden. Folgende Beschwerden sind typisch für eine autonome Polyneuropathie:
- Blutdruckabfall beim Aufstehen
- Schwindelgefühl, auch Ohnmacht
- Schweisssektetionsstörungen wie trockene Hände oder auch Schweissausbrüche
- Verdauungsstörungen
- gestörte Kontrolle der Herzfrequenz
- Probleme bei der Entleerung der Blase
- Erektionsstörungen
Nur selten tritt eine motorische, sensible oder autonome Polyneuropathie für sich allein auf. Die meisten Betroffenen erleben eine Kombination der drei Polyneuropathie-Arten. Häufig beginnt die Erkrankung mit einem sensiblen Symptom wie dem Kribbeln an den Füssen und wird von einer motorischen oder autonomen Störung begleitet. Die Beschwerden verstärken sich häufig im Ruhezustand oder während der Nacht.
Prognose: Wie verläuft Polyneuropathie?
Je früher eine Polyneuropathie erkannt und behandelt wird, desto besser ist die Prognose. Wenn Sie unter dieser Erkrankung leiden, ist es wichtig, dass Ihr Arzt oder Ihre Ärztin die Ursache dafür herausfindet. Wenn dieser Auslöser behandelt oder sogar beseitigt wird, können die Polyneuropathie-Symptome oft spürbar gelindert werden. In seltenen Fällen können sie sogar wieder verschwinden. Doch häufig verläuft die Polyneuropathie unbemerkt – weil die Beschwerden anfangs vielleicht eher harmlos erscheinen oder einem anderen Leiden zugeordnet werden. Wenn dann die richtige Diagnose feststeht, kann es sein, dass die von Polyneuropathie betroffenen Nerven schon so weit geschädigt sind, dass sich mit einer entsprechenden Therapie eine weitere Verschlimmerung der Symptome zwar stoppen lässt, eine vollständige Heilung aber nicht mehr möglich ist.
Falls Sie vermuten, dass Sie von Polyneuropathie betroffen sein könnten, sollten Sie also einen Arztbesuch keinesfalls unnötig aufschieben.
Die Medizin unterscheidet beim zeitlichen Verlauf der Polyneuropathie drei Stadien: akute Polyneuropathie (Dauer der Erkrankung bis zu vier Wochen), subakute Polyneuropathie (vier bis acht Wochen) und chronische Polyneuropathie (länger als acht Wochen). Während die Dauer der Krankheit unterschiedlich sein kann, ist ihr Beginn oft gleich: Die Beschwerden zeigen sich häufig beidseitig (symmetrisch) und zunächst meist „sockenförmig“ an den Füssen. Im weiteren Verlauf treten die Krankheitserscheinungen oft auch in den unteren Beinen auf („strumpfförmig“). Polyneuropathie kann aber auch einseitig erscheinen, also nur an einem Bein oder Arm oder auch am Körperstamm.
Ursachen: Wie entsteht Polyneuropathie?
Eine Polyneuropathie kann eine eigenständige Krankheit aber auch das Ergebnis einer anderen Erkrankung sein. Zum Beispiel als Folge eines zu hohen Blutzuckers bei Diabetes. In seltenen Fällen tritt Polyneuropathie auch als Erbkrankheit auf; so kann sie als sogenannte Charcot-Marie-Tooth-Krankheit schon Kinder oder sogar Säuglinge befallen. Bei etwa 20-30 Prozent aller Polyneuropathie-Fälle bleibt die Ursache trotz adäquat durchgeführten Abklärungen ungeklärt.
Die Zahl der bekannten Ursachen, die zur Entstehung einer Polyneuropathie führen können, beträgt mehr als hundert. Unter ihnen befinden sich die Auslöser der drei häufigsten Polyneuropathie-Arten:
Diabetische Polyneuropathie
Mehr als 30 Prozent der von Polyneuropathie Betroffenen leiden an Diabetes. Wie ihr erhöhter Blutzuckerspiegel zur Schädigung von Nerven führt, ist nicht genau bekannt. Sicher ist aber, dass Patienten und Patientinnen, die Probleme mit der Einstellung des Blutzuckers haben, häufig schon früh ausgeprägte Polyneuropathie-Symptome entwickeln. Mit der Dauer der Diabetes-Erkrankung steigt die Wahrscheinlichkeit, auch an Polyneuropathie zu erkranken.
Toxische Polyneuropathie
Etwa 15 Prozent der von Polyneuropathie Betroffenen erkranken, weil ihr Körper giftigen (toxischen) Substanzen ausgesetzt ist. Allen voran: Alkohol. Zum übermässigen Alkoholkonsum, der die Nerven schädigt, kommt oft noch ein Mangel an bestimmten Vitaminen (B1, B6, B12) hinzu, was zu einer verstärkten Ausprägung der alkoholischen Polyneuropathie führt. Andere Gifte, zum Beispiel Schwermetalle, sind nur selten Verursacher einer Polyneuropathie.
Immunvermittelte Polyneuropathie
Etwa neun Prozent der von Polyneuropathie Betroffenen leiden unter Fehlreaktionen des Immunsystems. Es richtet sich gegen die eigenen Nervenzellen und schädigt sie.
- Eine akute Form dieser Polyneuropathie ist das Guillain-Barré-Syndrom (GBS), bei dem nicht nur die Beine, sondern meist auch Arme und Gesichtsmuskeln befallen sind. Als Folge können Atem- oder Schluckbeschwerden auftreten. GBS entsteht oft im Anschluss an eine Infektion.
- Langsamer entwickelt sich die über Wochen oder sogar Monate andauernde chronische Form der immunvermittelten Polyneuropathie; sie wird kurz CIDP genannt (oder chronisch-inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie). Es existieren mehrere CIDP-Varianten. Typische Symptome sind eine Schwäche der Beine und Arme und erloschene Muskeleigenreflexe.
- Eine weitere Unterform der immunvermittelten Polyneuropathie ist die selten auftretende multifokale motorische Neuropathie, kurz MMN. Sie macht sich oft durch eine einseitige Muskelschwäche bemerkbar, anfangs häufig am oberen Teil eines Arms oder Beins.
Diagnose: Wie lässt sich Polyneuropathie feststellen?
Wenn bei Ihnen der Verdacht einer Polyneuropathie besteht, kann Ihre Ärztin oder Ihr Arzt durch Ihre Antworten auf gezielte Fragen wichtige Einzelheiten für eine genaue Diagnose erfahren. Erste Hinweise zur Krankengeschichte (Anamnese) einer Polyneuropathie ergeben sich, wenn Sie den Beginn sowie die Art und Dauer Ihrer Beschwerden schildern. Auch Fragen zu konkreten Situationen des Alltags helfen bei der Diagnostik der Polyneuropathie: Können Sie problemlos eine Treppe hinaufgehen? Sind Sie in letzter Zeit gestürzt? Können Sie auch bei Dunkelheit gehen? Gelingt es Ihnen, aus der Hocke aufzustehen?
Weitere Einzelheiten der Polyneuropathie-Diagnose können medizinische Untersuchungsmethoden liefern:
Neurologische Untersuchung
Mit einfachen Tests wird die Berührungsempfindlichkeit oder das Vibrationsempfinden geprüft. Zum Beispiel mit einer Stimmgabel, die angeschlagen und an einen Hand- oder Fussknöchel gehalten wird. Als Patient oder Patientin sollen Sie angeben, ab wann Sie die Schwingungen der Stimmgabel nicht mehr spüren. Andere Tests können zeigen, ob Ihre Muskelreflexe intakt sind.
Elektroneurographie (ENG)
Hierbei wird ein Nerv mit einem kleinen elektrischen Impuls gereizt. An einer zweiten Stelle, oft an einem Muskel, wird gemessen, wie lange der Impuls bis hier gebraucht hat. Aus der Ankunftszeit des Signals lässt sich die Nervenleitgeschwindigkeit berechnen, die Auskunft über eine mögliche Nervenschädigung gibt. Wenn man sich einen Nerv wie ein Stromkabel vorstellt, kann das Innere (der Draht) im Kabel beschädigt sein – das wird in der Medizin „axonale Schädigung“ genannt; sie zeigt sich in einer verringerten Stärke des Signals. Wenn dagegen die Umhüllung (die Isolierung) beschädigt ist, spricht man von einer „demyelinisierenden Schädigung“; sie zeigt sich in einer herabgesetzten Laufzeit (Nervenleitgeschwindigkeit) des Signals.
Elektromyographie (EMG)
Diese Methode misst die elektrische Spannung und Aktivität von Muskeln. Das geschieht mithilfe feiner Nadeln und aufgezeichneter Ströme, die in einem Elektromyogramm sichtbar gemacht werden. Es zeigt, ob der betreffende Muskel erkrankt ist oder ausreichend durch einen Nerv versorgt wird.
Autonome Funktionstests
Eine Reihe von unterschiedlichen Tests ermittelt, ob Störungen des autonomen – vom Willen nicht kontrollierbaren – Nervensystems vorhanden sind. So werden zum Beispiel die Reflexe, der Blutdruck, die Herzfrequenz und die Funktion der Schweissdrüsen oder der Blase überprüft.
Nervenultraschall
Der neuromuskuläre Ultraschall ist eine schmerzfreie und unkomplizierte Untersuchung, bei der Nerven mithilfe von Schallwellen sichtbar gemacht werden. Er hat sich in den letzten Jahren als wichtige Ergänzung zu anderen Untersuchungen wie der körperlichen Untersuchung und der Messung der Nervenleitung etabliert. Durch moderne Technik können heute sogar sehr kleine Nerven genau dargestellt werden. So lassen sich Veränderungen wie Verdickungen oder Schäden erkennen. Ein großer Vorteil ist, dass die Untersuchung schnell verfügbar, nicht belastend und auch dann gut einsetzbar ist, wenn andere Tests schwierig durchzuführen sind. Dadurch hilft sie den Ärztinnen und Ärzten, die Diagnose genauer zu stellen und die Behandlung besser zu planen.
Therapie: Wie wird Polyneuropathie behandelt?
Die Chancen für eine wirksame Therapie der Nervenerkrankung Polyneuropathie stehen vor allem dann gut, wenn man den Ursprung ihrer Entstehung kennt und diese Krankheitsursache frühzeitig behandelt. Das gilt für Diabetes, die häufigste Polyneuropathie-Ursache, aber auch für andere Polyneuropathie-Formen.
- Ursache Diabetes: Um die Nervenschädigung zu stoppen, müssen die Werte für Blutzucker und Blutfett so gut wie möglich eingestellt werden – falls die Polyneuropathie noch nicht allzu weit fortgeschritten ist, kann es dann sogar sein, dass sich die Nerven wieder erholen. Viel Bewegung, gesunde Ernährung und eine eventuell notwendige Gewichtsabnahme können dabei helfen.
- Ursache Alkohol: Falls Sie an einer toxischen Polyneuropathie leiden, sollten Sie so schnell wie möglich dafür sorgen, dass Ihr Körper nicht länger mit der verursachenden Substanz belastet wird (Alkohol oder andere Giftstoffe). Fragen Sie Ihren Arzt oder Ihre Ärztin, ob sich die geschädigten Nerven durch die Einnahme von Vitamin B1 wieder regenerieren können.
- Ursache Autoimmunkrankheit: Gezielt eingesetzte Medikamente wie Cortison, Immunglobuline oder Immunsuppressiva (sie unterdrücken das Immunsystem) können das Fortschreiten der Polyneuropathie stoppen.
- Ursache Vitaminmangel: Falls ein Vitaminmangel, zum Beispiel des Vitamins B12, festgestellt wird ist ein adäquater Vitaminersatz von grosser Wichtigkeit.
Physiotherapie und Ergotherapie bei Polyneuropathie
Wenn sich die Ursache der Polyneuropathie nicht finden oder behandeln lässt oder wenn die Schädigung der Nerven irreversibel ist, besteht die Polyneuropathie-Behandlung vor allem in der Beseitigung der Schmerzen und der Muskelschwäche. Hierbei helfen zum Beispiel Medikamente gegen Muskelkrämpfe. Physiotherapie und Ergotherapie sollen das Gleichgewicht und die Koordination trainieren, auch Wassergymnastik, Yoga und Gehtraining können unterstützend wirken – und überhaupt viel Bewegung.
Medikamente
Wenn eine Polyneuropathie zu sogenannten „Plus-Symptomen“ führt, also Schmerzen, Brennen oder Kribbeln und dies die Lebensqualität relevant beeinträchtigt können Medikamente eingesetzt werden. Ein Teil dieser Medikamente führt zu einer Stabilisierung der Nervenmembranen, sodass der unangenehme Reiz weniger zum Hirn geleitet wird. Bespiele hierfür sind Pregabalin oder Gabapentin. Ein anderer Teil dieser Medikamente schaffen eine Distanz zu den unangenehmen Körperempfindungen, indem sie die durch die chronische Erkrankung reduzierten Spiegel von Noradrenalin und Serotonin im Hirn wieder normalisiert. Beispiele hierfür sind Duloxetin oder Amitryptilin. Da bei einer Depression die Hirnchemie in gleicher Art und Weise verändert ist wirken diese Medikamente auch antidepressiv.
Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS)
Um Polyneuropathie-Schmerzen zu reduzieren, kommt neben medikamentösen Optionen (u.A. trizyklische oder neuere Antidepressiva oder Alpha-2-Delta-Liganden) möglicherweise auch eine Elektro-Therapie infrage: Dabei wird schwacher Strom durch die Haut geleitet, der die Nerven reizt. Diese Methode heisst „transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS)“. Die auch für Patienten und Patientinnen beherrschbare Bedienung eines TENS-Geräts soll bewirken, dass der Polyneuropathie-Schmerz verschwindet oder durch ein weniger störendes Kribbeln ersetzt wird. Fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt, ob diese Behandlung, die nicht immer empfohlen wird, für Sie sinnvoll sein könnte.
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