Wer mehrmals pro Nacht aufstehen muss, um Wasser zu lösen, schläft oft schlechter, ist tagsüber müde und fühlt sich weniger leistungsfähig. Dennoch sprechen viele Betroffene nicht darüber – weil sie nächtlichen Harndrang als normale Alterserscheinung betrachten. Dabei steckt häufig eine behandelbare Ursache dahinter.
Einmal pro Nacht aufzustehen ist meist unproblematisch. Wer jedoch regelmässig mehr als zweimal aufwacht, um zur Toilette zu gehen, leidet laut Fachleuten an einer klinisch relevanten Nykturie.
Was harmlos klingt, hat spürbare Folgen: „Jede Unterbrechung kann den Körper aus wichtigen Schlafphasen reissen“, erklärt Dr. med. Tobias Simon Schmidli, Oberarzt in der Klinik für Urologie des Universitätsspital Zürich. Viele Betroffene fühlen sich morgens trotz ausreichender Bettzeit nicht erholt. Tagsüber zeigen sich Müdigkeit, Konzentrationsprobleme oder eine gedrückte Stimmung. „Chronischer Schlafmangel belastet Körper und Psyche, und das oft mehr, als Betroffene zunächst wahrnehmen.“
Hinzu kommt beim nächtlichen Aufstehen ein unterschätztes Risiko: Im Halbschlaf steigt die Sturzgefahr. Treppen, Schwellen oder schlechte Lichtverhältnisse auf dem Weg zur Toilette können gerade für ältere Menschen gefährlich werden.
„Regelmässiger nächtlicher Harndrang ist abklärungswürdig, insbesondere dann, wenn der Schlaf, die Tagesenergie oder die Lebensqualität darunter leiden.“
Nicht nur ein Problem der Harnblase
Nykturie ist kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern ein Symptom mit sehr unterschiedlichen Ursachen. Manchmal steckt eine Störung der unteren Harntraktfunktion dahinter. Bei Männern ist die gutartige Prostatavergrösserung ein häufiger Auslöser.
Bei Frauen spielen hormonelle Veränderungen nach den Wechseljahren eine wichtige Rolle: Der sinkende Östrogenspiegel beeinflusst Blase und Beckenboden und kann häufigeren Harndrang begünstigen.
Auch andere Erkrankungen kommen infrage – darunter Diabetes, Bluthochdruck, Herzschwäche oder Nierenerkrankungen. Selbst bestimmte Medikamente, etwa harntreibende Mittel, können nächtlichen Harndrang verstärken.
Warum viele Betroffene zu lange warten
Scham und die Überzeugung, das gehöre eben zum Alter, halten viele davon ab, das Thema in der Arztpraxis anzusprechen. Der nächtliche Toilettengang wird still akzeptiert – und damit auch seine Folgen.
Dabei gilt: „Regelmässiger nächtlicher Harndrang ist abklärungswürdig, insbesondere dann, wenn der Schlaf, die Tagesenergie oder die Lebensqualität darunter leiden“, sagt Dr. Schmidli. Fachleute empfehlen eine medizinische Abklärung dann, wenn Betroffene dauerhaft mehr als zweimal pro Nacht aufstehen müssen.
Was helfen kann
Die gute Nachricht: Nykturie ist oft behandelbar. Je nach Ursache kommen verschiedene Ansätze infrage – von der Anpassung der Medikation über die Behandlung einer Grunderkrankung bis hin zu Beckenbodentraining oder gezielter Behandlung einer Störung der unteren Harntraktfunktion.
Ergänzend können einfache Alltagsanpassungen helfen:
- Alkohol und Koffein am Abend reduzieren
- Regelmässige Schlaf- und Trinkgewohnheiten pflegen
- Beschwerden in einem Blasentagebuch festhalten, um Muster zu erkennen
- Die letzte grössere Trinkmenge nicht unmittelbar vor dem Schlafengehen zu sich nehmen
Wichtig: Betroffene sollten nicht eigenmächtig die Trinkmenge stark einschränken, um nächtliches Aufstehen zu vermeiden. Zu wenig Flüssigkeit kann andere gesundheitliche Probleme verursachen.
Schlaf ist Lebensqualität
„Viele Menschen nehmen nächtlichen Harndrang jahrelang einfach hin, und damit auch die Einbussen für ihre Gesundheit“, weiss Dr. Schmidli aus Erfahrung. „Dabei sind erholsame Nächte eine wichtige Grundlage für körperliches und geistiges Wohlbefinden.“
Wer regelmässig von Harndrang geweckt wird, sollte die Beschwerden nicht als unvermeidliches Altersschicksal akzeptieren. Denn häufig steckt eine behandelbare Ursache dahinter. Und manchmal beginnt besserer Schlaf mit einem einzigen Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt.
Neuro-Urologie- und Urininkontinenz-Sprechstunde am USZ
Harnblasenprobleme wie starker Harndrang, häufiger Toilettengang oder ungewollter Urinverlust sind weit verbreitet und nehmen mit zunehmendem Alter oft zu. In der Neuro-Urologie- und Urininkontinenz-Sprechstunde des Universitätsspitals Zürich werden die Ursachen der Beschwerden umfassend abgeklärt und individuelle Behandlungsmöglichkeiten aufgezeigt. Ziel ist es, die Blasenfunktion zu verbessern und die Lebensqualität der Betroffenen wieder zu erhöhen.