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Darmkrebs im Schlaf entdecken

Darmkrebs gehört zu den häufigsten Tumorerkrankungen in der Schweiz und verursacht in vielen Fällen erst spät Symptome. Umso wichtiger sind Vorsorgeuntersuchungen zur Früherkennung.

Herr Prof. Scharl, welche Risikofaktoren für Darmkrebs sind bekannt?

Das höchste Risiko ist das Alter, deshalb werden Darmuntersuchungen ab 50 Jahren empfohlen und die Kosten von der Krankenkasse übernommen. Weitere Risikofaktoren sind genetische Veranlagung, die Ernährung und Umweltfaktoren, Darmpolypen sowie chronisch entzündliche Darmerkrankungen (z. B. Colitis ulcerosa, Morbus Crohn). Da Darmkrebsfälle auch bei jüngeren Menschen immer häufiger auftreten, sollten anhaltende Beschwerden immer ärztlich abgeklärt werden. Bei Krebs in der Familie ist eine individuelle Beratung wichtig.

Mit welchen Symptomen kann sich Darmkrebs bemerkbar machen?

Warnzeichen sind anhaltende oder wiederkehrende Verdauungsprobleme, Blut oder Schleim im Stuhl, Wechsel zwischen Durchfall und Verstopfung, Stuhldrang ohne Entleerung, sehr dünner oder schwarz gefärbter Stuhl. Weitere mögliche Symptome: Blutarmut, Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Völlegefühl, unerklärlicher Gewichtsverlust oder Fieber ohne Infekt. Solche Beschwerden sollten medizinisch abgeklärt werden.

Wie entsteht Darmkrebs?

Fast immer entstehen Darm- und Mastdarmkrebs aus noch gutartigen Vorstufen, die eines Tages entarten. Diese Vorstufen werden als «Polypen» bezeichnet. Die meisten Polypen sind wiederum Adenome, gutartige drüsige Wucherungen, die sich weiterentwickeln und dann gefährlich werden können. Werden diese im Rahmen einer Darmspiegelung rechtzeitig entdeckt und entfernt, kann Darmkrebs in acht von zehn Fällen verhindert werden.

Die Darmspiegelung ist also Vorsorge und Früherkennung?

Ja, denn die Wucherungen würden dann gar nie ein Stadium erreichen, in dem sie gefährlich werden. Und wenn doch, ist frühzeitig erkannter Darmkrebs in vielen Fällen heilbar. Neben einem gesunden Lebensstil mit Bewegung, faserreicher Ernährung, Nichtrauchen und Normalgewicht ist die Darmspiegelung die wichtigste Massnahme, um Darmkrebs zu vermeiden und früh zu erkennen.

Dann müsste eine Darmuntersuchung doch eine Selbstverständlichkeit sein?

Absolut. Vor allem auch, weil Darmkrebs über lange Zeit hinweg kaum Symptome verursacht. Natürlich ist die Untersuchung mit der Vorbereitung etwas aufwändig, aber mit den modernen Trinkmedikamenten ist die nötige Darmreinigung angenehmer und einfacher als früher und auch die Untersuchung selbst ist mit modernen Untersuchungsmethoden viel schonender. Davon bekommen die Patienten aber gar nichts mit, weil wir sie für den knapp 30-minütigen Eingriff in einen Kurzschlaf versetzen.

Und wenn dann doch Darmkrebs entdeckt wird?

Leider wird immer noch eine Minderheit der Darmtumoren im Frühstadium entdeckt und die meisten werden erst in späteren Stufen diagnostiziert. Dann hat der Krebs bereits alle Schichten der Darmwand befallen oder auf benachbarte Lymphknoten übergegriffen. Bei etwa jeder fünften betroffenen Person hat der Tumor zum Zeitpunkt der Diagnose bereits sichtbare Ableger gebildet.

Wie wird heute Darmkrebs behandelt?

Heute können neun von zehn Betroffenen geheilt werden, wenn die Krankheit noch im Frühstadium entdeckt wird. Aber auch bei fortgeschrittenem Darmkrebs haben sich die Überlebenschancen in den letzten Jahrzehnten verbessert. Zentraler Bestandteil der Behandlung ist in vielen Fällen die Operation. Dabei wird der betroffene Abschnitt des Darms entfernt. Dazu gibt es die Strahlentherapie und Medikamente. Um die Wirksamkeit zu erhöhen, werden je nach Art, dem Stadium und der Ausbreitung des Darmtumors mehrere Behandlungen miteinander kombiniert. Das Alter und der Allgemeinzustand der Betroffenen spielen ebenfalls eine Rolle bei der Wahl der Therapien.

Verantwortliche Fachperson

Michael Scharl, Prof. Dr. med.

Leitender Arzt, Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie

Tel. +41 44 255 85 48
Spezialgebiete: Immuntherapie-assoziierte Kolitis, Kolorektales Karzinom, Mikrobiom