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Fachartikel

Auf dem Weg zum Kind

Bei jedem sechsten Paar in der Schweiz geht der Wunsch nach einem Kind nicht natürlicherweise in Erfüllung. Am Universitätsspital Zürich steht Betroffenen eine breite Palette an Diagnostik und Therapien zur Verfügung. Samia El-Hadad, Oberärztin am Kinderwunschzentrum des USZ, erklärt im Interview, was wann sinnvoll ist.

Wann sollte ein unerfüllter Kinderwunsch medizinisch abgeklärt werden?

Grundsätzlich ist eine Abklärung angezeigt, wenn es nach zwölf Monaten regelmässigem, ungeschütztem Geschlechtsverkehr nicht zu einer Schwangerschaft kommt. Bei Frauen über 35 Jahren empfiehlt man schon nach sechs Monaten eine Abklärung – weil die Qualität der Eizellen abnimmt und das Risiko erhöht ist, dass die Eierstockreserve bereits geringer und eine Behandlung zeitlich dringlich ist.

Was können niedergelassene Ärztinnen und Ärzte im Falle eines unerfüllten Kinderwunsches tun?

Eine Erstabklärung umfasst immer sowohl die Frau als auch den Mann. Denn die Erfahrung zeigt, dass in rund 30 Prozent der Fälle die Ursache bei der Frau, in 30 Prozent beim Mann und in 20 Prozent bei beiden gleichzeitig liegt. Bei insgesamt fast 80 Prozent der Paare lässt sich somit eine Ursache finden – in zwanzig Prozent der Fälle bleibt diese ungeklärt.

Welche Untersuchungen gehören zu einer Erstabklärung?

Neben der allgemeinen Anamnese des Gesundheitszustandes ist bei der Frau der Hormonstatus zentral. So lassen sich unter anderem häufige Hormonstörungen wie das polyzystische Ovarsyndrom erkennen, das zu Unfruchtbarkeit führen kann. Zur Erstabklärung gehört auch eine Ultraschalluntersuchung der Eierstöcke und der Gebärmutter sowie eine Zählung der Follikel (antraler Follikelcount). So lassen sich Myome, Polypen oder Erkrankungen wie Endometriose erkennen.

Wie sieht die Erstabklärung beim Mann aus?

Hier ist ein Spermiogramm die zentrale Untersuchung. Zeigen sich dabei Auffälligkeiten, sollte die Analyse nach etwa drei Monaten wiederholt werden, da die Spermienqualität natürlichen Schwankungen unterliegt. Ergänzend ist es sinnvoll, eine sogenannte probatorische Aufbereitung durchführen zu lassen. Dabei wird getestet, wie gut sich die Spermien für eine Befruchtung eignen. Ein Spermiogramm und eine probatorische Aufbereitung werden von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten in der Regel über ein spezialisiertes Labor veranlasst oder können direkt bei uns am USZ erfolgen.

Welche weiteren Untersuchungen oder auch Behandlungen können Niedergelassene durchführen?

Ist der Hormonstatus der Frau unauffällig, bietet sich ein Zyklusmonitoring an. Zudem ist es wichtig, auf einen ausreichenden Eisen- und Vitamin-D-Spiegel zu achten, da dies einen positiven Einfluss auf die Fruchtbarkeit haben kann. Darüber hinaus kann eine sogenannte monofollikuläre Stimulationsbehandlung erfolgen. Dabei wird das Wachstum einer Eizelle bis zum Eisprung gezielt unterstützt, entweder mit Tabletten oder durch Injektionen. Ziel ist es, die Eizellreifung zu fördern und den Geschlechtsverkehr optimal auf den Eisprung abzustimmen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass auch der Mann zuvor untersucht wurde. Nur so lässt sich sicherstellen, dass die Spermienqualität eine Schwangerschaft auf natürlichem Weg ermöglicht – andernfalls würde die Frau unnötig behandelt.

Was sind die nächsten Schritte beim Mann, falls das Spermiogramm auffällig war?

Mit einem Bluttest lassen sich Infektionen oder tiefe Testosteronwerte als Ursache einer geringen Spermienqualität erkennen. Ausserdem gehört eine Untersuchung der Geschlechtsorgane dazu, um allfällige Erkrankungen zu erkennen, zum Beispiel verschlossene Ausführungsgänge der Hoden oder ein Hoden-Hoch- oder -Tiefstand. Im Gespräch gilt es Risikofaktoren wie Rauchen, Sauna oder exzessives Fahrradfahren anzusprechen – all dies kann die Spermienqualität beeinträchtigen. Umgekehrt können gewisse Nahrungsergänzungsmittel oder Zink- bzw. Selen-haltige Präparate die Spermienbildung unterstützen.

Wann sollten Paare an ein Spital wie das USZ überwiesen werden?

Eine Überweisung ist insbesondere dann sinnvoll, wenn die Untersuchungen Auffälligkeiten zeigen, die eine künstliche Befruchtung erforderlich machen könnten. Bei der Frau ist dies beispielsweise der Fall, wenn der Zyklus, gestört ist, die Eileiter verschlossen sind oder wenn grössere Myome oder Polypen die Gebärmutterhöhle so verändern, dass die Einnistung des Embryos beeinträchtigt wird. Beim Mann wäre eine sehr schlechte Spermienqualität ein Grund für eine Überweisung. Allgemein können wir bei unklaren Befunden weiterhelfen, da wir am USZ zusätzliche Möglichkeiten der Diagnostik wie auch Behandlung haben.

Welche sind das?

Mit unserem Wasserultraschall (Hydrosonographie oder Hydrocontrastsonographie) und dem 3D-Ultraschall können wir die Gebärmutter genauer untersuchen als mit einem herkömmlichen Ultraschall. Zudem können wir so einen Verschluss der Eileiter feststellen. Ein Vorteil am USZ ist auch, dass eine psychologische sowie sexualtherapeutische Beratung im Zusammenhang mit unerfülltem Kinderwunsch zur Verfügung stehen. Ausserdem bieten wir spezielle Abklärungen bei unerfülltem Kinderwunsch nach wiederholten Fehlgeburten. Dazu gehören etwa Bluttests bezüglich Gerinnungsfaktoren, Biopsien im Hinblick auf eine chronische Endometritis sowie immunologische und genetische Untersuchungen.

Wie häufig lässt sich ein unerfüllter Kinderwunsch erfolgreich behandeln?

Wenn nicht ein zu hohes Alter dagegenspricht, ist eine Behandlung meistens durchführbar und erfolgsversprechend. Wenn möglich, setzen wir bei den Ursachen an, d.h. behandeln z.B. hormonelle Störungen oder verbessern die Spermienqualität. Je nach den Ergebnissen der Voruntersuchungen bieten wir am USZ zudem Behandlungen wie die intrauterine Insemination (IUI), In-vitro-Fertilisation (IVF) oder intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) ggfs .mit genetischer Untersuchung der Embryonen an. Insgesamt geht damit bei 65-70 Prozent der Paare der Kinderwunsch in Erfüllung.

Nimmt die Zahl der betroffenen Paare zu?

Ja, der unerfüllte Kinderwunsch nimmt zu – insbesondere, weil Paare später Eltern werden wollen. Vor allem das Alter der Frau ist ein wichtiger limitierender Faktor, ein anderer ist die sinkende Spermienqualität bei Männern. Bei Letzterem spielen vor allem Lebensstilfaktoren und vermutlich gewisse Umweltfaktoren mit. Neben Rauchen können auch eine ungesunde Ernährung und viel Sitzen die Spermienqualität reduzieren. Psychischer Stress mag zwar bei beiden Geschlechtern die Probleme verstärken, ist aber gemäss Studien keine eigenständige medizinische Ursache von Unfruchtbarkeit. Übergewicht hingegen ist bei Mann und Frau ein klarer Risikofaktor. Es verringert sowohl die Qualität der Spermien wie auch der Eizellen. Insofern hilft auch auf dem Weg zum erfüllten Kinderwunsch ein grundsätzlich gesunder Lebensstil: eine mediterrane Ernährung, genug Bewegung und auf Nikotin und möglichst auch Alkohol verzichten.

Verantwortliche Fachperson

Samia El-Hadad, Dr. med. univ.

Oberärztin, Klinik für Reproduktions-Endokrinologie

Tel. +41 44 255 50 09
Spezialgebiete: Kinderwunsch, Familienplanung, Transgender