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So bleibt der Darm gesund

03. März 2022

Eine ausgewogene Ernährung und genügend Bewegung halten das Verdauungsorgan fit. Vorsorgeuntersuchungen können das Risiko für Darmkrebs massiv reduzieren.

Text: Helga Kessler

Es ist ein merkwürdiges Organ: Auf einen fünf bis sechs Meter langen dünnen Schlauch mit vielen Falten und Zotten folgt ein circa ein Meter langer, dickerer Abschnitt. Ein Muskel verschliesst das Ganze gasdicht. Der Ort der Verdauung wirkt auf den ersten Blick sehr simpel, ist aber äusserst komplex: Im Darm werden nicht nur Nährstoffe aufgeschlossen und aufgenommen, sondern auch Krankheitserreger abgewehrt, Hormone ausgeschüttet, Enzyme und Vitamine produziert. «Funktioniert alles reibungslos, ist der Darm gesund», sagt der Leitende Arzt Michael Scharl von der Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie. Damit der Darm gesund bleibt, müssen die geschätzt 40 Quadratmeter umfassende Darmschleimhaut und das aus Billionen von Bakterien bestehende Mikrobiom perfekt zusammenspielen.

Training für das Immunsystem

Die Schleimhaut ist gleichzeitig Barriere und Ort des Austauschs: Sie hindert die Mikroorganismen einerseits daran, sich im Körper auszubreiten, andererseits steht sie mit ihnen in Kontakt und trainiert so das Immunsystem. «Je mehr verschiedene Bakterienarten es hat, desto besser», weiss Michael Scharl. Im Dünndarm schüttet die Schleimhaut Verdauungsenzyme aus und nimmt Nährstoffe auf, im Dickdarm gewinnt sie Wasser zurück. Drüsenzellen produzieren den Schleim, der Nahrungsbrei und Stuhl gut rutschen lässt. Blutgefässe unter der Schleimhaut transportieren zusammen mit den Lymphgefässen verdaute Nährstoffe ab. Millionen von Nervenzellen regulieren weitgehend unabhängig vom Gehirn die Tätigkeit der Darmmuskulatur, steuern den Blutfluss und die Ausschüttung von Hormonen. Ist die Nervenregulation im Darm gestört, macht sich das in Form von Bauchschmerzen bemerkbar, etwa bei einem Reizdarm. Eng gekoppelt ist das körperliche Wohlbefinden mit der Bakterienbesiedlung im Darm. Rund zwei Kilo Mikroorganismen tummeln sich vor allem im Dickdarm. Quasi als Gegenleistung für die Unterkunft tragen Bakterien des Darmmikrobioms etwa zur Synthese des Glückshormons Serotonin oder des Schlafhormons Melatonin sowie zur Synthese der Vitamine E, B12 und Folsäure bei. Die Darmbakterien sind beteiligt an der Synthese von Gallensäuren, und sie bauen Ballaststoffe ab, die der Mensch sonst nicht aufnehmen könnte. Aus Zellulose stellen sie kurzkettige Fettsäuren her – diese wiederum dienen genau den Bakterien als Futter, die Krankheitserreger beseitigen und vor Entzündungen schützen.

Stuhltransplantation nach Infektion

Breiten sich bestimmte Bakterien auf Kosten von anderen aus, kann das sensible System aus der Balance geraten. Besonders gefürchtet ist eine Infektion mit Clostridioides difficile, die zu schweren und lebensbedrohlichen Durchfallerkrankungen führt. Schlägt die Behandlung mit verschiedenen Antibiotika fehl, wird das gesamte Mikrobiom über eine Stuhltransplantation ausgetauscht. «Die Therapie machen wir etwa jede zweite Woche», sagt Michael Scharl. Der Stuhl und dessen Bakterienzusammensetzung liefern den Gastroenterologen wichtige Hinweise, etwa über das Risiko für Darmkrebs. Entsprechende Tests sind bereits in der Entwicklung.
Von frei verkäuflichen Tests, die über Stuhlproben Auskunft über mögliche Risiken geben sollen, rät Michael Scharl eher ab: «Derzeit kann man daraus noch zu wenig konkrete Konsequenzen ableiten.» Der Gastroenterologe rät zu einem gesunden Lebensstil mit regelmässiger körperlicher Bewegung und abwechslungsreicher Ernährung. «Gut ist eine ausgewogene Kost mit Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Gemüse und Obst, nicht zu viel Zucker und wenig verarbeitetem Fleisch und möglichst mit frischen Produkten», sagt Ernährungsberaterin/-therapeutin Brigitte Baru. Ballaststoffe, wie sie vor allem in pflanzlichen Nahrungsmitteln vorkommen, fördern das Wachstum schützender Bakterien. Die empfohlenen 30 Gramm pro Tag seien jedoch für die meisten Menschen schwer zu erreichen, meint Brigitte Baru. Wer seine Ernährung optimieren wolle, tue dies am besten nicht von heute auf morgen: «Eine Umstellung braucht Zeit, der Darm muss sich an die höhere Menge Nahrungsfasern gewöhnen können.»

Darmspiegelung ab 50

Gerät die Darmflora durcheinander, kommt es zu Störungen wie Durchfall oder Verstopfung. Gravierender ist, wenn sich die Darmschleimhaut entzündet und wenn sie zu wuchern beginnt. Aus zunächst gutartigen Polypen können sich mit der Zeit bösartige Tumore entwickeln. «Ab 50 Jahren sollte man sich einer ersten Darmspiegelung unterziehen », sagt Christoph Schlag, Leiter der Endoskopie. Im grössten endoskopischen Zentrum der Schweiz werden jährlich etwa 2700 komplette Darmspiegelungen (Koloskopien) durchgeführt. Die Spiegelung von Teilabschnitten (Sigmoidoskopie für die letzten 40 cm, Proktoskopie für Enddarm und Anus) kann zur Kontrolle nach einer Tumoroperation oder zur Behandlung von Hämorrhoiden sinnvoll sein. Zur Darmkrebsvorsorge wird immer eine komplette Spiegelung empfohlen. «Bei 30 von 100 Personen finden wir Polypen, die wir entfernen können», sagt Christoph Schlag. Leider nehme im Kanton Zürich nicht einmal jeder dritte Erwachsene über 50 die Vorsorgemöglichkeit wahr. Für alle Zweifler hat der Gastroenterologe eine gute Nachricht: «Die meisten, die schon eine Koloskopie haben machen lassen, sagen hinterher, dass es gar nicht so schlimm war.»

Kontakt

Michael Scharl, Prof. Dr. med.

Leitender Arzt, Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie

Spezialgebiete: Immuntherapie-assoziierte Kolitis, Kolorektales Karzinom, Mikrobiom
Tel. +41 44 255 85 48

Christoph Schlag, PD Dr. med.

Leitender Arzt, Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie

Spezialgebiete: Diagnostische und interventionelle Endoskopie (ERCP, EUS, EMR, ESD, POEM, STER), Eosinophile Ösophagitis, Gastroenterologische Funktionsdiagnostik
Tel. +41 44 255 85 48

Verantwortlicher Fachbereich

Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie

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