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Stuhlinkontinenz

Anorektale Inkontinenz

Menschen mit Stuhlinkontinenz können Darmgase, Darmschleim oder den Stuhl nicht mehr zurückhalten. Der Darminhalt geht ab, ohne dass dies gewünscht oder steuerbar ist. Die Stuhlinkontinenz kann den Alltag und die Lebensfreude erheblich einschränken. Doch sie ist behandelbar.

Was ist eine Stuhlinkontinenz?

Bei einer Stuhlinkontinenz verliert ein Mensch die Kontrolle über seinen Darminhalt. Dies können Darmgase, Darmschleim oder Stuhlgang sein. Der Darm entleert sich dann selbst, ohne dass Betroffene dies willentlich beeinflussen können. Umgangssprachlich heisst die Stuhlinkontinenz „Darmschwäche“. Der medizinische Fachausdruck dafür ist anorektale Inkontinenz. Gut bekannt ist auch die Blasenschwäche oder Harninkontinenz, bei der Betroffene unwillkürlich Urin verlieren.

Stuhlinkontinenz und Schweregrade

Nicht bei jedem Menschen ist die Stuhlinkontinenz gleich stark ausgeprägt. Expertinnen und Experten haben ein Punktesystem erstellt, mit dem sich die Schwere besser einschätzen lässt. Weltweit verwenden viele Ärztinnen und Ärzte das System nach Vaizey Wexner für das Ausmass der Stuhlinkontinenz. Für die Häufigkeit und Art der Inkontinenzereignisse (Verlust von Gasen, flüssigem oder festem Stuhl) vergeben Ärztinnen und Ärzte Punktzahlen. Insgesamt können Patientinnen und Patienten zwischen 1 und 20 Punkte erreichen. Je höher die Zahl ist, desto schwerer ist auch die Stuhlinkontinenz.

Inkontinenzereignisse Häufigkeit
nie selten (weniger als 1 pro Monat) manchmal (weniger als 1 pro Woche) häufig (<1 pro Tag und >1 pro Woche immer (>1 pro Tag)
Fest 0 1 2 3 4
Flüssig 0 1 2 3 4
Luft 0 1 2 3 4
Vorlagen nötig 0 1 2 3 4
Beeinflussung der Lebensgewohnheiten 0 1 2 3 4

 

Daneben gibt es noch andere Skalen, die Ärztinnen und Ärzte zur Ausprägung der Stuhlinkontinenz heranziehen:

  • Grad 1: Nur Darmgase dringen unkontrolliert nach draussen. Fester und flüssiger Stuhl ist gut zu halten.
  • Grad 2: Betroffene können Darmgase und flüssigen Stuhl nicht mehr zurückhalten. Nur fester Stuhl ist noch kontrollierbar.
  • Grad 3: Die Darmentleerung lässt sich überhaupt nicht mehr kontrollieren. Selbst ein fester Stuhl lässt sich nicht mehr halten und geht unwillkürlich ab. Es besteht eine vollständige Stuhlinkontinenz.

Stuhlinkontinenz – Häufigkeit und Alter

Über eine Stuhlinkontinenz sprechen wohl die wenigsten gerne. Sie scheint aber gar nicht so selten zu sein. Expertinnen und Experten schätzen, dass in den westlichen Ländern ungefähr fünf Prozent der Bevölkerung in unterschiedlicher Ausprägung daran leiden. Manche suchen aus Scham keine Ärztin oder keinen Arzt auf oder tun dies erst spät. Eine Stuhlinkontinenz kann prinzipiell in jedem Lebensalter vorkommen. Aber besonders oft trifft sie betagtere Menschen. Und Frauen erkranken etwa vier- bis fünfmal häufiger an einer Darmschwäche als Männer. Dies hat verschiedene Gründe:

  • Alter: Mit zunehmendem Lebensalter schwinden die Kraft und Elastizität der Beckenbodenmuskulatur, die beim Festhalten des Stuhls eine wichtige Rolle spielt. Zudem büsst der Schliessmuskel meist an Kraft ein. Auch leiden viele Seniorinnen und Senioren im Alter an Krankheiten, die das Risiko für eine Stuhlinkontinenz erhöhen. Dazu gehören zum Beispiel der Schlaganfall oder eine Demenz.
  • Weibliches Geschlecht: Frauen haben aufgrund der Anatomie eine schwächere Beckenbodenmuskulatur und einen schwächeren Schliessmuskel. Auch Schwangerschaften und vaginale Geburten schwächen beide weiter. So ist das Risiko für eine Stuhlinkontinenz bei Frauen deutlich höher als bei Männern.

Stuhlinkontinenz: Ursachen und Risikofaktoren

Die Ursachen für eine Stuhlinkontinenz sind vielfältig. Oft gibt es nicht nur „die eine“ Ursache, sondern mehrere Faktoren spielen vermutlich zusammen und lösen gemeinsam die Stuhlinkontinenz aus. Ärztinnen und Ärzte unterscheiden eine primäre und sekundäre Stuhlinkontinenz, denen jeweils verschiedene Ursachen zugrunde liegen können.

Primäre Stuhlinkontinenz – die Gründe

Die Ursachen für die primäre Stuhlinkontinenz sind direkte Schäden an den Nerven (Neuronen), welche die Darmentleerung mit steuern. Daher heisst sie auch neurogene Stuhlinkontinenz. Krankheiten, die mit solchen Nervenschäden einhergehen, sind zum Beispiel:

  • Schlaganfall (Hirninfarkt, Hirnschlag)
  • Bandscheibenvorfall (Diskusprolaps), der auf die Nerven drückt
  • Gehirntumoren
  • Querschnittslähmung
  • Neurologische Erkrankungen wie die Morbus Parkinson (Parkinson-Krankheit, Schüttellähmung), Multiple Sklerose, Demenz (z.B. Alzheimer-Krankheit, Morbus Alzheimer) oder die langjährige Zuckerkrankheit Diabetes mellitus (sie schädigt langfristig nicht nur die Gefässe, sondern auch die Nerven)
  • Operationen im Beckenraum, welche die Nerven in Mitleidenschaft ziehen
  • Angeborene Wirbelsäulenfehlbildungen, etwa der „offene Rücken“ (Spina bifida)

Sekundäre Stuhlinkontinenz – die Ursachen

Bei einer sekundären Stuhlinkontinenz sind nicht die Nerven direkt geschädigt, sondern andere Erkrankungen lösen die Darmschwäche aus. Dazu gehören zum Beispiel:

  • Geschädigter Schliessmuskel am After: Dieser kann zum Beispiel während der Geburt einreissen (Dammriss) oder im Rahmen einer Operation Schaden nehmen (z.B. bei Analfisteln oder Hämorrhoiden). Auch bei einem Analprolaps funktioniert der Schliessmuskel manchmal nicht mehr so, wie er sollte.
  • Geschwächter Beckenboden: Geburten, Übergewicht und Fettleibigkeit (Adipositas) oder das Alter schwächen den Beckenboden. Ganz allgemein verlieren die Muskulatur und das Bindegewebe mit zunehmenden Lebensjahren an Spannkraft. Mit einem gezielten Beckenbodentraining können Sie allerdings vorbeugen und entgegensteuern.
  • Erkrankungen, die mit häufigen Durchfällen einhergehen, z.B. chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa
  • Chronische Verstopfung, die länger als drei Monate anhält
  • Manche psychischen Erkrankungen und seelische Faktoren (z.B. Traumata)
  • Langjähriger Missbrauch von Abführmitteln

Symptome: Stuhlinkontinenz

Eine Stuhlinkontinenz kündigt sich meist durch folgende Symptome an:

  • Es entweichen immer wieder ungewollt Darmgase, ihr Abgang lässt sich nicht steuern.
  • In der Unterwäsche finden sich immer wieder leichte Verschmutzungen, weil geringe Mengen an Darmschleim oder Stuhl austreten.
  • Flüssiger Stuhl lässt sich nicht mehr halten.
  • Schliesslich lässt sich auch fester Stuhl nicht mehr halten und kontrollieren.

Auch wenn Ihnen die Stuhlinkontinenz unangenehm ist – vertrauen Sie sich immer zeitnah einer Ärztin oder einem Arzt an. Sie oder er kann herausfinden, was genau dahinter steckt, wenn Sie die Darmgase oder den Stuhl nicht mehr kontrollieren können.

Stuhlinkontinenz: Diagnose bei uns

Suchen Sie am besten zuerst Ihre Hausärztin oder Ihren Hausarzt auf, der Sie dann an eine Fachärztin oder einenn Facharzt weiterleitet, etwa aus der Proktologie. Aber auch Fachärztinnen und -ärzte aus der Neurologie oder für Alterskrankheiten (Geriater) sind gute Anlaufstellen. Sie sind meist ebenfalls mit dem Krankheitsbild der Stuhlinkontinenz vertraut.

Am Anfang stellen wir Ihnen einige Frage zu Ihrer Krankengeschichte (Anamnese), zum Beispiel:

  • Wann haben Sie die Stuhlinkontinenz erstmals bemerkt?
  • In welcher Häufigkeit gehen Darmgase oder Stuhl ungewünscht ab?
  • Verlieren Sie nur Stuhl, wenn er flüssig ist, oder auch festen Stuhl?
  • Verspüren Sie zuvor einen Stuhldrang oder geschieht der Verlust ohne Vorankündigung?
  • Bei Stuhldrang als „Vorwarnung“: Wieviel Zeit haben Sie, um die Toilette noch rechtzeitig erreichen?
  • Haben Sie weitere Verdauungsbeschwerden wie Durchfall, Verstopfung, Blähungen oder Bauchschmerzen?
  • Besteht bei Ihnen eine Harninkontinenz?
  • Sind Krankheiten bei Ihnen bekannt? Wenn ja: Welche?
  • Haben Sie sich kürzlich einer Operation unterzogen?
  • Nehmen Sie Medikamente ein, wenn ja: Welche und seit wann?
  • Hatten Sie Schwangerschaften oder Geburten? Wann und wie viele?
  • Wie ernähren Sie sich?

Dann folgt eine körperliche Untersuchung. Wir tasten den After, Schliessmuskel und den Enddarm vorsichtig mit dem Finger ab, um Auffälligkeiten und Veränderungen festzustellen. Digitale rektale Untersuchung heisst diese Methode.

Eine Spiegelung (Endoskopie) bringt Licht in den Analkanal (Proktoskopie) oder den Enddarm (Rektum). Diese Untersuchung heisst Rektoskopie. Manchmal ist auch eine Darmspiegelung nötig, die Koloskopie. Dabei untersucht eine Gastroenterologin oder ein Gastroenterologe den gesamten Dickdarm auf mögliche Veränderungen. Eingesetzt wird ein biegsames Instrument, das mit einer kleinen Kamera ausgerüstet ist und Bilder aus dem Darminneren liefert. Gleichzeitig können wir im Rahmen der Darmspiegelung Gewebeproben von der Anal- oder Darmschleimhaut entnehmen (Biopsie). Diese Zellen analysiert anschliessend eine Pathologin oder ein Pathologe im Labor unter dem Mikroskop.

Ob der Schliessmuskel am After ausreichend funktioniert, lässt sich mit Hilfe einer Druckmessung ermitteln. Über eine Messsonde zeichnen wir die Druckverhältnisse im Bereich des Schliessmuskels elektronisch auf.

Manchmal kommen auch bildgebende Verfahren zum Einsatz, um der Ursache der Stuhlinkontinenz auf die Spur zu kommen. Dazu zählen zum Beispiel:

  • Ultraschall (Sonografie), zum Beispiel rektaler Ultraschall des Enddarms
  • Röntgenuntersuchung des Darms mit Hilfe von Kontrastmittel (Defäkografie)
  • Magnetresonsanztomografie (MRT = Kernspintomografie): Diese Methode arbeitet mit starken Magnetfeldern und erzeugt detaillierte Schnittbilder von Organen und Geweben.

Stuhlinkontinenz: Vorbeugen, Früherkennung, Prognose

Eine Stuhlinkontinenz hat viele verschiedene Ursachen. Oft sind das Alter oder bestimmte Krankheiten der Grund und dem können Sie nicht vorbeugen. Eine wirksame Möglichkeit der Vorbeugung ist jedoch die Beckenbodengymnastik. Sie ist wohl den meisten Frauen nach einer Schwangerschaft und Geburt bekannt. Sie trainieren im Anschluss ihren Beckenboden und kräftigen ihn wieder. Aber auch Männer können ihren Beckenboden gezielt stärken.

Allgemein kann man sagen, dass sich eine früh entdeckte Stuhlinkontinenz, die noch nicht so stark ausgeprägt ist, auch besser behandeln lässt. Dann lässt sich manchmal das Fortschreiten aufhalten.

Stuhlinkontinenz – Verlauf und Prognose

Langfristig kann eine Stuhlinkontinenz zu vielen psychischen und sozialen Problemen führen. Viele schämen sich und haben Angst, durch unangenehme Gerüche oder plötzliche „Unfälle“ aufzufallen. So ist oft ein sozialer Rückzug in die eigenen vier Wände das Ergebnis. Doch es gibt einige Behandlungsmöglichkeiten, durch die sich die Stuhlinkontinenz lindern lässt. Auch mit modernen Hilfsmitteln können Sie eine Darmschwäche oft gut kaschieren.

Stuhlinkontinenz: Behandlung mit verschiedenen Strategien

Es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten bei Stuhlinkontinenz. Welche genau in Frage kommt, hängt immer von der jeweiligen Ursache und vom Grad der Darmschwäche ab. Manchmal lässt sich die Ursache beheben oder wir können zumindest die Folgen der Stuhlinkontinenz abmildern. Ziel der Behandlung ist es immer, den Stuhlgang wieder in den Griff zu bekommen (keine Verstopfung, keine Durchfall) und die Beckenbodenmuskulatur zu stärken.

Details zu den Behandlungen

Verantwortliche Fachbereiche

Institut für diagnostische und interventionelle Radiologie

Klinik für Konsiliarpsychiatrie und Psychosomatik

Klinik für Viszeral- und Transplantationschirurgie